Corinna Bille: geschildert von Maurice Chappaz.

29. August 1912 – 24. Oktober 1979.

 

Aufgenommen am 7. November 1979 in Le Châble VS.

http://www.plansfixes.ch/films/corinna-bille/

 

> Zwei Wochen vor der Aufnahme für die «Plans Fixes» nimmt der Tod Corinna Bille zu sich. Am Termin wird die Filmequipe vom Ehemann empfangen. Er schildert Leben und Eigenart der dahingegangenen Schriftstellerin. Der Witwer heisst Maurice Chappaz und ist selber Schriftsteller. 37 Jahre hat er mit Corinna Bille zusammengelebt. Der Ehe sind drei Kinder entsprossen. Nun entfaltet sich im Trauerhaus eine stille, nachdenkliche Begegnung. <

 

Für einmal ist Bertil Galland, der Interviewer der frühen «Plans Fixes»-Filme, zart und zurückhaltend. Er lässt dem Befragten Zeit, nachzudenken und seine Worte zu sammeln. Und Maurice Chappaz, der Schriftsteller, spricht auch erst, wenn er weiss, worauf er hinaus will. So wird die Aufnahme von langen Pausen durchzogen. In ihnen fasst Maurice Chappaz sich und die Sache.

 

Corinna Billes Sterben zeichnete sich seit langem ab. Sie wusste, dass sie dem Krebs erliegen werde. Doch bei ihrem Tod war Maurice Chappaz abwesend. Die Ärzte hatten gemeint, es werden noch ein paar Tage dauern. Als aber Corinna an jenem 24. Oktober 1979 von den Besuchern Abschied nahm, trug sie jedem Grüsse an seine Angehörigen auf und nannte den Namen eines jeden. Deshalb ist Maurice Chappaz überzeugt: «Sie hat es gewusst.»

 

Worte sind das eine. Das Ungesagte ist ein anderes. Im Gespräch für die «Plans Fixes» äussert es sich als Stille. In ihr wird die Verbundenheit des Mannes mit seiner Frau vernehmbar; die ins Innere vergrabene Trauer; und die horchende Empfänglichkeit des Schriftstellers. Als Mensch ist Maurice Chappaz in der Situation. Als Autor steht er davor. Er beobachtet, was vorgeht – in ihm und den anderen, den Abwesenden wie den Gegenwärtigen – und gibt allen seine Sprache: den Sachen, den Verhältnissen, den Menschen.

 

Maurice Chappaz’ Sprache ist nüchtern, zart und exakt; die Sprache eines Dichters. Ihr Ziel ist Evokation; besonders jetzt, wo es darum geht, Worte zu finden für das, was Corinna Bille war. Zwei Eigenschaften treten hervor: Spontanität und Verwunderungsgabe (émerveillement). Sie grundierten schon das erste Rendez-vous.

 

Corinna Bille und Maurice Chappaz wussten noch nicht, dass es aus ihnen Schriftsteller geben werde. Aber ihre erste Zusammenkunft war schon durch und durch poetisch: Wenn sie ihn treffen wolle, stand im Brief, den Maurice ihr geschrieben hatte, finde sie ihn am Ostersonntag um zwölf Uhr im Pfynwald beim Obelisken. Corinna kam. Danach gingen sie alle weiteren Wege gemeinsam. 37 Jahre lang.

 

Mit der Gabe, sich zu verwundern, bezauberte Corinna als ältere Schwester schon ihre beiden Brüder. «Mit einem Nichts konnte sie uns tagelang in freudige Erwartung versetzen», erzählt der spätere Tierfilmer > René-Paul Bille in seinem «Plans-Fixes»-Porträt. Später holte Corinna als Autorin das Wunderbare durch die Traumdimension in die Bücher.

 

Die Welt des Phantastischen findet sich nun auch im Trauerhaus. Die Kamera zeigt drei Puppen auf einem Kanapee. «Überall, wo wir wohnten, hatte Corinna ein Puppenzimmer», erzählt Maurice Chappaz. «Dort konnten unsere Kinder spielen; später die Grosskinder.» Im Puppenreich – und in den Träumen – fand Corinna den Kontakt zum Abgründigen, das für ihr Schreiben immer wichtiger wurde.

 

«Ihr widerstand alles, was nach Pflicht und Routine aussah», erklärt Maurice Chappaz, «auch wenn sie vor den Menschen Respekt hatte, die sich dem unterziehen konnten». Dagegen fiel es Corinna Bille leicht, dem Mann in die Armut zu folgen und jahrelang ein randständiges Nomadenleben zu führen. Mit Tageszeitungsartikeln half sie anfangs, die Familie durchzubringen. Dann begann sie, Bücher zu schreiben.

 

Mit den ersten Titeln erntete sie Misserfolg auf Misserfolg. Nüchtern zählt Maurice Chappaz die Faktoren auf, die Corinna am Ende der sechziger Jahre ins schwarze Loch führten: eine Kritik, die sie herablassend als Heimatdichterin apostrophierte; ein Haushalt mit Mann und drei Kindern, der sie beengte; eine Ehe, in die sich Gleichförmigkeit geschlichen hatte ...

 

Doch dann erscheint, zwei Jahre später, auf dem Buchmarkt eine neue Corinna Bille. Die Verwandelte wird in Frankreich und der Welt mit Aufmerksamkeit bedacht. Sie erhält 1974 den Schiller-Preis, die höchste Dichterauszeichnung der Eidgenossenschaft, und 1975 den Prix Goncourt, die höchste Dichterauszeichnung der Grande Nation. Immer schneller beginnt Corinna Bille zu schreiben. Auf einer Eisenbahnfahrt durchs Centovalli beispielsweise entstehen zehn Seiten. «Sie weiss, dass sie nicht mehr viel Zeit hat», sagt Maurice Chappaz.

 

«Je älter ein Autor wird, desto mehr Material hat er zum Publizieren», erklärt der Schriftsteller. «Da sind alte Manuskripte in der Schublade, schon weit gediehen, fast druckfertig; da sind Entwürfe zu verlockenden Stoffen; da warten ganze Bücher im Kopf darauf, aufgeschrieben zu werden. Und dabei wird die Lebensspanne immer kürzer.» 

 

1979 erliegt Corinna Bille im Alter von 67 Jahren dem Krebs. Maurice Chappaz heiratet dreizehn Jahre später Michène Caussignac, die Witwe des Schriftstellers Lorenzo Pestelli, und stirbt 2009 im Alter von 95 Jahren.

 

«Du fragst mich, was das Leben sei. Da könnte man ebenso gut fragen, was eine Mohrrübe ist. Eine Mohrrübe ist eine Mohrrübe. Mehr weiss man nicht davon.» (Anton Tschechow an Olga Knipper am 20. April 1904, drei Monate vor seinem Tod.)

 

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