Geo Voumard: Der Mensch, die Musik und das Wort.

2. Dezember 1920 – 3. September 2008.

 

Aufgenommen am 23. September 1999 in Vulliens.

http://www.plansfixes.ch/films/geo-voumard/

 

> Vor munterem Kaminfeuer kramt Geo Voumard seine Erinnerungen aus. Er erzählt von der Zeit im Aktivdienst, der Mitwirkung in der Band von Hazy Osterwald, dem Sieg am ersten Eurovisionswettbewerb 1956 und der Gründung des Montreux Jazz-Festivals 1967. Dabei wird der 79-jährige freundliche Herr immer jünger. Ein Phänomen. <

 

Die Aufnahme für die „Plans Fixes“ bedeutet die Krönung eines Lebenswerks. Sie ist etwa zwanzigmal seltener als ein Dr. h. c. und deshalb etwa zwanzigmal kostbarer. Wer zum Film eingeladen wird, hat seine Epoche gestaltet. Er hat das Gleis verlassen, das, wie Nestroy sagte, vom Zwang geprägt ist: „Der Diener ist Sklav des Herrn, der Herr Sklav des Geschäfts.“ Die Unterdrückung aber erklärt, warum so viele Leute am Schluss so wenig zu sagen haben. Sie haben eben ein Leben lang bloss funktioniert.

 

Der Philologieprofessor und spätere Romanautor Roland Donzé verglich die Karriere mit einem Tunnel: „Sie streben im Finstern vorwärts, und für die wirklichen Fragen fehlen der weite Horizont und die Musse. Darum sind Jugend und Alter die wahrhaft philosophischen Lebensabschnitte, nicht das Arbeitsleben.“

 

Nun lässt Johann Nepomuk Nestroy in der Posse „Einen Jux will er sich machen“ den Handlungsdiener im Gewürzladen einer kleinen Stadt gerade am Tag, wo er zum Prokuristen ernannt wird, merken, dass er dabei ist, seine Lebendigkeit zu verlieren. Und da ruft er: „Wenn ich nur einen wiffen [lebhaften] Punkt wüsst in meinem Leben, wenn ich nur von ein paar Tag sagen könnt’, da bin ich ein verfluchter Kerl gewesen – aber nein! ich war nie ein verfluchter Kerl. Wie schön wär’ das, wenn ich einmal als alter Handelsherr mit die andern alten Handelsherren beim jungen Wein sitz’, wenn so im traulichen Gespräch das Eis aufg’hackt wird vor dem Magazin der Erinnerung, wenn die Gewölb’tür der Vorzeit wieder aufg’sperrt, und die Budel [Marktbude] der Phantasie voll ang’raumt [ausstaffiert] wird mit Waren von ehmals, wenn ich dann beim lebhaften Ausverkauf alter Geschichten sagen könnt: Oh! ich war auch einmal ein verfluchter Kerl! ein Teuxels[Teufels]mensch – ein Schwerack ...“

 

Geo Voumard nun, der kann „im traulichen Gespräch“ vor der Kamera die „Waren von ehmals“ ausbreiten, und mit Faszination sieht man, wie sich in seinem Leben eins aus dem andern ergab. Mit Jahrgang 1920 kam er eben in eine Zeit, die weniger streng reguliert war als heute. Da konnte ein Professor noch einem Hochbegabten schreiben: „Ihre Proseminararbeit übertrifft alle Erwartungen. Ich erlasse Ihnen den Besuch des Hauptseminars. Melden Sie sich wieder fürs Staatsexamen. Herzliche Glückwünsche. Karl Jaberg.“

 

Der „Schein“ mit den ECTS- (und anderen) Punkten war damals noch nicht im Schwange. Deshalb konnte es geschehen, dass der Direktor der Bielersee-Schiffahrts-Gesellschaft während der Putzzeit zum Kassier der „Chasseral“ trat und fragte: „Herr Zahnd, können Sie die ‚Stadt Biel‘ fahren? Gut. Dann teile ich Sie am Montag darauf ein. Ich habe sonst keinen Schiffsführer.“ – Und ein paar Tage vor der Pensionierung lachte Kapitän Eduard Weber am Steuer der „Petersinsel“: „Da fahre ich das grösste Schiff der Juraseen, und dabei habe ich keine einzige Prüfung gemacht, mit Ausnahme der Steuermannsprüfung auf der alten ‚Berna' vor 45 Jahren.“ Er ergänzte: „Dafür kann ich drei Buchstaben hinter meinen Namen setzen (wie CEO): Eduard Weber EPN. Willst du wissen, was das heisst? Ecole Primaire de Nidau.“

 

Die Ausbildung verlief also damals anders als heute. Erklärt wurde nichts. In meinem ersten Jahr als Leichtmatrose bei der Bielersee-Schiffahrts-Gesellschaft konnte ich es dem Vorgesetzten, Schiffskassier Eduard Wullschleger, nie recht machen. Ständig wies er mich zurecht: „Nei, nid eso!“ Es waren strenge Lehrjahre. Später traf ich einen Kollegen Wullschlegers, der mit ihm die Ausbildung auf See gemacht hatte, und fragte ihn, ob mein Chef als junger Mensch auch schon so böse gewesen sei. Der Seebär schüttelte den Kopf: „Das hat nichts mit dem Charakter zu tun. Du hast eben noch die alte Methode kennen gelernt. Die hiess: ‚Entweder du kannst es, oder du bekommst einen Tritt in den Arsch.‘“

 

Geo Voumard hatte das Glück, dass er es konnte. Und so brachte er es, gefördert durch Naturell und Umstände, nach oben. Sein Naturell war bestimmt durch Offenheit. Sie erlaubte ihm, die Sachen aufzunehmen und anzupacken. Als Fünfjähriger sass er auf dem Schoss der Mutter. Sie wies mit der Stricknadel auf die Noten einer Partitur und schlug auf dem Klavier die Töne an. Auf diese Weise lernte er das Notenlesen, noch bevor er zur Schule kam. Und von den Klavierübungen der fünf Jahre älteren Schwester, die vom Jazz begeistert war, lernte er, was eine Improvisation ausmacht. Und vom Riesenrad schliesslich, das an den Festzeiten tagein, tagaus auf dem Bieler Neumarktplatz dudelte, lernte er hundert und aberhundert Melodien der Unterhaltungsmusik.

 

Jetzt, wo Geo Voumard das „Magazin der Erinnerung“ aufsperrt, prägt seine Offenheit die Gesichtszüge. Wie bei einem Jungen formen die Lippen beim Erzählen ein Lächeln, und wie bei einem Jungen blitzen die Augen. Die Mimik gibt das Leben der Seele preis und bestätigt die These des norwegischen Psychologen und Drehbuchautors Roland Zistler: „Ab vierzig ist jeder für seinen Gesichtsausdruck verantwortlich.“

 

Weil Geo Voumard keine Mühe hatte, die Sachen anzupacken, kam er mit allem zurecht, was ihm das Leben zuspielte. – Ein befreundeter Junge schuf ein Schlagzeug an und wollte mit ihm Musik machen. So entstand die erste Band. Engagiert von Leo Gottet, dem Direktor des „Bielerhofs“, traten die beiden Heranwachsenden Wochenende für Wochenende an Familien-, Geburtstags-, Hochzeits- und Vereinsfesten auf – weniger, weil sie es schon konnten, als weil sie es verstanden, „on the job“ zu lernen.

 

Diese Begabung kam Geo Voumard zugute, als er beschloss, das Architekturstudium aufzugeben und in die Hazy Osterwald-Band einzutreten. Für sie schrieb er jetzt die Arrangements. Und auch da galt, wie später bei der Karriere als Unterhaltungschef des Westschweizer Radios: „Entweder du kannst es, oder du bekommst einen Tritt in den Arsch.“ Mit Emile Gardaz schrieb er für den ersten Eurovisionswettbewerb das Chanson „Refrain“, vorgetragen von Lys Assia, und errang damit die Siegespalme. Das war 1956. Elf Jahre später, 1967, gründete er an einem Restauranttisch in Montreux zusammen mit Claude Nobs und René Langel das Jazz Festival. 

 

Vor der munteren Flamme des Kaminfeuers geht Geo Voumard anschaulich und ohne Hast seinen Erinnerungen nach. Auffällig ist, dass ihm jedes Gehabe abgeht. Er teilt diese Schlichtheit mit den meisten hochbegabten Künstlern. Aber eben, sie hatten wie er das Privileg, ein Leben führen zu können, das sich aus vielen „wiffen Punkten“ zusammensetzt. Der Weg dorthin ist einfach. „Das Glück“, sagte Theodor Fontane, „besteht darin, dass man da steht, wo man seiner Natur nach hingehört“.

 

Wenn wir das nächste Mal zur Welt kommen, werden wir diese Lektion beherzigen und nicht mehr länger Sklav des Herrn und Sklav des Geschäfts sein. Nicht wahr?

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