Simone Chapuis-Bischof: Ein feministisches Engagement.

16. März 1931 –

 

Aufgenommen am 11. November 1999 in Lausanne.

http://www.plansfixes.ch/films/simone-chapuis-bischof/

 

> Kampf um gleiche Chancen für Frau und Mann. Kampf um gleiche Rechte für Frau und Mann. Kampf um gleiche Löhne für Frau und Mann. Kampf ums Frauenstimm- und Wahlrecht. Kampf um eine Mutterschaftsversicherung. Kampf um eine gerechte Aufteilung der Altersrente. Kampf um die Abschaffung der Anrede „Fräulein“. Diese Kämpfe haben bei uns das 20. Jahrhundert geprägt. Simone Chapuis war an ihnen beteiligt. <


Das Gespräch in den „Plans Fixes“ aus dem Jahr 1999 behandelt „alte Geschichten, längst vergessen, längst verschmerzt“ (Kafka). Die Generation der Grossmütter und Urgrossmütter schuf die Basis, auf der sich heute die jungen Frauen entfalten. Dass es sich bei ihren Rechten um den Männern abgerungene „Errungenschaften“ handelt, wird deutlich, sobald Simone Chapuis vor der Kamera von ihrem Einsatz für die Sache der Frauen berichtet. Da zeigt sich, dass das Selbstverständliche jahrtausendelang nicht selbstverständlich war.

Zum Zeitpunkt der Aufnahme geht es um die soeben von Volk und Ständen abgeschmetterte 10. AHV-Revision. Sie hätte das Renten-Splitting bringen sollen. „Jetzt müssen wir den Kampf wieder aufnehmen“, sagt Simone Chapuis ergeben und senkt den Blick auf die Tischdecke. In diesem Moment kommt ihre Beteiligung für eine Sekunde beim Zuschauer an. Dann wird eine neue Filmrolle eingelegt, und das Gespräch geht weiter wie bisher; emotionslos und sachorientiert.

Die Sachorientierung macht nun aber, dass die Inhalte, die im Film zur Sprache kommen, nur noch interessant sind für Spezialistinnen der Geschichte der Westschweizer Frauenbewegung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Frauen, welche neben Simone Chapuis mitwirkten in den Vorständen der Lausanner Sektion, der Waadtländer Sektion und im Präsidium des Schweizerischen Verbands für Frauenrechte, können, da zum 20. Jahrhundert gehörig, nicht mehr hervorgegoogelt werden. Wer damals nicht zur Familie gehörte, wird heute deshalb bei ihrer Erwähnung nicht einmal aufhorchen, geschweige denn nicken. Zweifelhaft ist sogar, ob Dreissigjährige noch etwas mit den Namen Ruth Dreifuss (Jg. 1940) und Yvette Jaggi (Jg. 1941) anfangen können.

 

Aber so ginge es auch mit einem „Plans Fixes“-Porträt, das die Landwirtschaftspolitik und die Geschichte des schweizerischen Bauernverbands in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts thematisieren würde. Nicht besser steht es mit der Geschichte der schweizerischen Binnenschiffahrt: Keiner der zahlreichen Dampferfreunde der Association des amis des bateaux à vapeur du Léman (ABVL) weiss, dass der Berner Patrizier und vormalige Landvogt von Nyon Karl Viktor von Bonstetten den Bau des ersten Genfersee-Dampfschiffs massgeblich mitinspiriert hat. Darum war der heute Vergessene auch unter den heute vergessen Ehrengästen an der heute vergessenen ersten Jungfernfahrt. Yesterday is over. Prediger 1,14: „Ich sah an alles Tun, das unter der Sonne geschieht; und siehe, es war alles eitel und Haschen nach Wind.“

 

Um die Weisheit Salomos zu bestätigen, führt der Link, den die „Plans Fixes“ zu Simone Chapuis angeben, denn auch ins Leere: „Seite nicht gefunden“, meldet das offizielle Portal des Kantons Waadt. „Es kann sein, dass Ihre Favoriten veraltet sind.“

 

Dass aber das „Plans Fixes“-Porträt von Simone Chapuis nur noch einem sehr eingeschränkten „special interest“-Publikum zuträglich ist, hängt nicht am Thema, sondern an der Person: Ihre emotionslose Sachorientierung verhindert das Aufkommen von Anteilnahme. Der lebendige Mensch kommt zu kurz. Simone Chapuis’ Neutralität macht sie zwar geeignet zur ausgleichenden Arbeit in Vorständen, ja sogar zum Präsidium, aber sie macht sie nicht geeignet zum Objekt eines 50-minütigen Films. 

 

Der Grund: Bei Simone Chapuis tritt das Erwachsenen-Ich zu dominierend hervor. Der Begriff stammt aus der Transaktionsanalyse. Karl Kälin erklärt: „Das Erwachsenen-Ich beobachtet objektiv, sammelt Informationen leidenschaftslos, nüchtern, gefühllos, verarbeitet die Information logisch und zieht schliesslich daraus die Schlüsse. Charakteristisch ist die sachlich klare, leidenschaftslose Stimme. Mimik und Gestik fehlen.“ Ist das Erwachsenen-Ich zu ausgeprägt, fallen seine „negativen Auswirkungen“ unter die Stichworte: „Wenig Emotionen. Langweilig. Fade. Roboterhaft.“

 

Aber Vorsicht: Vielleicht ist die wirkliche Simone Chapuis anders als die im Film gezeigte. Einen Schimmer davon bringt die letzte Minute des Films. Eben beginnt sie zu erzählen, wie sie, lange vor der Heirat, mit ihrem Mann zum Botanisieren ins Wallis fuhr und da auf eine Adonis stiess: „Eine äusserst seltene Pflanze!“, sagt sie verehrungsvoll. Ein Lächeln spielt um ihre Lippen, und der Blick geht ins Weite. Dorthin möchte man ihr gerne folgen.

 

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