Alfred Berchtold: Historiker, Schriftsteller.

17. Juni 1925 – 26. Oktober 2019.

 

Aufgenommen am 22. Januar 1996 in Chêne-Bougeries.

http://www.plansfixes.ch/films/alfred-berchtold/

 

> Was „fröhliche Wissenschaft“ sei (der Titel stammt von Nietzsche), führt die Kamera der „Plans Fixes“ beeindruckend vor. Zuerst einmal: Übersprudelnde Freude. Darum braucht Alfred Berchtold, der Gefilmte, für seine Tätigkeit auch nicht gern das Wort „Forschung“. Er sagt lieber: „Wonne“ (bonheur). Mit dieser Arbeitsauffassung hat er es weit gebracht. Das Gesamtgewicht seiner beiden grössten Werke beträgt 3,02 kg. <

 

„Heute feiern wir ein vom Aussterben bedrohtes Exemplar. (Danke!) Ich denke dabei nicht an die Fauna, obwohl mich [Alfred] Berchtold immer amüsiert hat mit seinem Aussehen einer Eule, die zur Unzeit wach ist, aber schon kampfbereit. (Ich habe eine sehr nette Frau!) Ich denke an die Humanisten, eine Spezies, die heute vom Aussterben bedroht ist und deshalb um so wertvoller. In Europa, namentlich in Italien, Deutschland und Mitteleuropa, ist die Familie noch nicht allzu stark dezimiert. In der Schweiz kann man, mit einem guten Fernglas ausgerüstet, den raren Vogel noch da und dort finden, und natürlich muss man ihn feiern, bevor ihn andere für sich ausstopfen. Der Humanist meines Herzens ist verrückt nach Wissen (nicht nach akademischem, esoterischem, kabbalistischem oder faustischem) wie ein wachsendes Fohlen im Frühling nach Hafer.“

 

Am Anfang des Films zitiert Daniel Jeannet die Laudatio, welche > Nicolas Bouvier 1992 auf Alfred Berchtold hielt, als die Stadt Genf den Historiker und Schriftsteller mit ihrem Vierjahrespreis für Literatur auszeichnete. Heute, sieben Jahre später, liefert der 74-jährige Humanist bei der Aufnahme zwei Zwischenrufe. Der zweite ist unübersetzbar. Denn der Satz: „Ich habe eine sehr nette Frau“ lautet im volkstümlichen Französisch: „J’ai une femme très chouette“. Das Wort „chouette“ aber bedeutet, als Substantiv genommen, nicht „nett“, sondern „Eule“. Und damit ist das Sprachfeld „Kauz“ vollkommen abgedeckt. Alfred Berchtold aber erscheint uns in den ersten Minuten seines „Plans Fixes“-Porträts bereits als „ein vom Aussterben bedrohtes Exemplar“.

 

Man beachte die Länge seiner Dissertation! Dreizehn Jahre brauchte er für sie. Das hing nicht nur damit zusammen, dass er als Gymnasiallehrer für Französisch und Geschichte das Geld für seine Familie (eine Frau und drei Kinder) herbeischaffen musste, sondern vor allem damit, dass ihm das Forschungsfeld immer weiter aufging, je tiefer er in es eindrang. Ursprünglich hatte er nur das literarische Umfeld von Charles Ferdinand Ramuz erforschen und darstellen wollen. Dann merkte er, dass er ins Vorher eintauchen und  das Nachher berücksichtigen müsse; und dass es mit der Literatur nicht getan sei, sondern dass er auch den Einfluss der Malerei und der übrigen Künste zu untersuchen habe. Am Schluss ergab sich eine Gesamtschau unter dem Titel: „La Suisse romande au cap du XXe siècle. Portrait littéraire et moral.“

 

1963 umfasste das Werk in seiner Erstauflage bei Payot 989 Seiten mit 3’333 von der Gattin sorgfältig kontrollierten Nachweisen und Zitaten. Das Buch ist heute nicht mehr lieferbar. Aber bei Amazon kennt man noch sein Gewicht: 1,7 kg in der Ausgabe von 1984. „Danach hätte ich Spezialist für dies und jenes werden können“, erklärt der Uhu. Aber er zog es vor, seinen Flug auf ein neues Gebiet auszurichten. So entstand in 17 Jahren „Bâle et l'Europe : une histoire culturelle“. Das Buch kam auf 891 Seiten, und wegen seiner zahlreichen Abbildungen wurde es aufgeteilt auf zwei Bände. Gesamtgewicht: 2,32 kg.

 

Für Alfred Berchtold war es wichtig, dass seine Darstellungen Freude machen beim Lesen. Und Freude (bonheur) hatte der Forscher bereits beim Aufnehmen der Quellen: „Von Hand einen guten Satz abzuschreiben ist ein ästhetisches Vergnügen.“ Um die Lesefreude weiterzugeben, verwendete Alfred Berchold einfache Wörter: „Komplizierte beherrsche ich nicht.“ Damit erfüllte er mit seiner Prosa das Ideal der Antike. Quintilian, laut dem Lexikon der alten Welt „nächst Cicero der bedeutendste römische Theoretiker der Beredsamkeit“ stellte in seinen „Institutionen“ fest: „Es kommt vor, dass das leichter verständlich und viel klarer ist, was von einem sehr gelehrten Mann gesagt wird … Man wird auch um so dunkler, je untüchtiger man ist.“

 

Das heutige Ideal tönt anders. Ein Allein-Professor definiert: „Im Schwerpunkt unseres (!) Instituts wird Sprache als kommunikatives Handeln beschrieben, als ‚Text-in-Funktion‘, als Organisationsform sozialer Erfahrung. Hier werden besonders die interdisziplinären Bezüge der Analyse sprachlicher Verständigung in der Vielfalt ihrer möglichen Praxisfelder thematisiert (Text-, Sozial-, Ethno-, Xeno-, Psycho-, Patho-, Techno-, Geo-, Öko-Linguistik etc.). Im Zentrum steht die Beschreibung des Sprachgebrauchs, seiner Strukturen, Varietäten und Entwicklungen, in kulturellen, ästhetischen, fachlichen Kontexten, in Gruppen, Medien, Institutionen, in Literatur, Film und andern Künsten.“

 

In diesem Umfeld kam sich Alfred Berchtold schon unzeitgemäss vor, als er der Fachkommission zur 700 Jahr-Feier der Eidgenossenschaft vorschlug, die Schweiz solle einen Bevölkerungsaustausch ins Werk setzen: Genfer und Urner sollten einander besuchen, um gegenseitig ihre Eigenart und ihre Sorgen verstehen zu lernen. „Man antwortete: Interessant!, und ging zum nächsten Traktandum weiter.“ Auch der zweite Vorschlag wurde nicht aufgenommen: Man solle in jedem Dorf die Spur des Dichters suchen. Es könne ein einheimischer sein, ein vorübergehender oder ein Ausländer. „Man antwortete: Interessant!, und ging zum nächsten Traktandum weiter.“

 

So blieb denn 1991 den Menschen in „Hauptweil bei St. Gallen“ unbekannt, was Friedrich Hölderlin am 23. Februar 1801 seiner Schwester geschrieben hatte: „Die grosse Natur in diesen Gegenden erhebt und befriediget meine Seele wunderbar. Du würdest auch so betroffen wie ich vor diesen glänzenden, ewigen Gebirgen stehn, und wenn der Gott der Macht einen Thron hat auf der Erde, so ist es über diesen herrlichen Gipfeln. Ich kann nur dastehen wie ein Kind und stille mich freuen, wenn ich draussen bin auf dem nächsten Hügel, und wie vom Äther herab die Höhen alle näher und näher niedersteigen bis in dieses freundliche Tal, das überall an seinen Seiten mit den immergrünen Tannenwäldchen umkränzt und in der Tiefe mit Seen und Bächen durchströmt ist, und da wohne ich, in einem Garten, wo unter meinem Fenster Weiden und Pappeln in einem klaren Wasser stehn, das mir gar wohlgefällt des Nachts mit seinem Rauschen, wenn alles still ist und ich vor dem heiteren Sternenhimmel dichte und sinne.“

 

In Bern anderseits blieb vergessen, in welche Gärung der Durchzug des Historikers Johannes von Müller die Stadt im Januar 1786 versetzt hatte. Ein Zeitzeuge berichtet: „Ein paar Vorlesungen hatten unsere Jugend wie umgeschmolzen, die Damen waren verlassen.“ Ein Taumel hatte alle erfasst: „Die Liebe zu Müller und den Wissenschaften war[d] zur Leidenschaft. Die jungen Herren von den ersten Familien von 20 à 30 Jahren begleiteten ihn wie eine treue Kohorte. Sie überliessen ihm ihre ganze Seele.“ In seinen Vorlesungen gelang es Müller, die Zuhörer nicht bloss zu packen, sondern zu erschüttern: „Viele Jünglinge [Männer bis 32], die das erste Mal im Rat sitzen werden, weinten über ihre Unwissenheit und über die Repu­blik.“ Für die letzte Vorlesung, an der viele Mitglieder der Regierung zugegen waren, folgte Müller der Empfehlung, „alle Fehler der Regierung und der Nation frei her­aus[zu]sagen. Niemals ist die Wahrheit nackter und herku­lischer erschienen. Müller und die Zuhörer weinten. Nach der Vorlesung war die Gärung allgemein in der ganzen Stadt; Müller sei das Heil der Republik, Bern sei in Gefahr und Müller der Retter der Religion, der Sitten, der Freiheit, nur durch seine Maximen könne sich die Schweiz behaupten. [...] Niemals hat Genie und Beredsamkeit einen schöneren Augenblick gehabt.“

 

Auf solche Augenblicke stösst man, wenn man Alfred Berchtold, dem grossen Anreger, folgt. Am Ende ist die Einsicht unabweislich, noch vor der Aufschaltung dieses Essays eines der fünf letzten neuwertigen Exemplare von „Bâle et l'Europe“ zu bestellen, bevor es ein Leser wegschnappt.

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