Solange Peters: Ärztin, Professorin und Politikerin.

20. Dezember 1972 –

 

Aufgenommen am 11. Oktober 2018 in Lausanne.

http://www.plansfixes.ch/films/solange-peters/

 

> Nach dem Gespräch in den „Plans Fixes“ zu urteilen, gehört Solange Peters zur Sorte Menschen, von der die Personalchefs sagen: „Sie machen den Leuten Angst.“ Sie sind eine Nummer grösser – ja, die ambitionierten Mitkonkurrenten denken heimlich: eine Nummer zu gross! Aber immer sind sie an der Spitze. Solange Peters auch. Sie ist Chefin der Abteilung medizinische Onkologie am Universitätsspital Lausanne, Professorin an der medizinischen Fakultät der Universität Lausanne und Präsidentin der europäischen Gesellschaft für medizinische Onkologie. <

 

Gehörte der Film zum fiktionalen Genre, könnte man die Eingangsszene so interpretieren: Das Bühnenbild zeigt ein grosszügiges, karg möbliertes, sehr sauberes Wohnzimmer, das ausdrückt, dass in ihm nicht wirklich gewohnt wird. Auf einen Tisch im Mittelgrund hat eine unbekannte Hand zur Zierde eine Blumenvase gestellt. Sie unterstreicht die Verlassenheit des Raums. Hinter einem mehrflügeligen, herrschaftlich gebogenen französischen Fenster wird freistehendes, sonnenbeschienenes Blattwerk vom Wind bewegt. Es deutet an, dass das Leben draussen stattfindet und nicht hier, vor dem kalten Auge der Kamera.

 

Die Frau, die porträtiert wird, sitzt in einem dunkeln, ledernen, englischen Clubsofa, das Wohlstand und Weltläufigkeit ausdrückt. Dem entspricht das Kostüm. Es setzt, zusammen mit dem Schmuck, den Akzent auf die persönliche Note, nicht auf zurückhaltende Konventionalität. Damit verkörpert die Darstellerin eine erfolgreiche moderne Akademikerin, die selbstbewusst ihren Mann stellt.

 

Trotzdem ist sie zu Beginn der Aufnahme angespannt. Deshalb hat sie die Arme gekreuzt und die Beine übereinander geschlagen (Barrieresignal). Während der Gesprächsleiter ihre Karriere und Stellung umreisst, verzieht sie die Lippen zu einem halb bestätigenden, halb bescheidenen Höflichkeitslächeln. Damit ist der Anfang geprägt von steifer Formalität.

 

Solange Peters fängt an zu erzählen, wie sich ihre Kindheit gestaltet hat. Sie wuchs in einer Familie auf, in der Vater und Mutter als Ärzte arbeiteten. Der Vater war emigrierter Deutscher, Jude und Kommunist. 1960, zwölf Jahre vor Solanges Geburt, liess sich > Georges Peters am Genfersee nieder, erwarb das Schweizer Bürgerrecht und trat in die sozialistische Partei des Waadtlands ein.

 

Also war Politik war am Familientisch selbstverständlich. Zu dieser Ausgangslage erklärte der ehemalige Berner Pädagogikprofessor Jakob R. Schmid: „Ethische Werthaftigkeit erkennen heisst letzten Endes ja immer: vom Guten vernehmen. Ethische Werthaftigkeit anerkennen heisst deshalb immer: das Sein des Guten wollen. Wir wissen nun aber, dass dies, ,das Sein des Guten wollen‘, letztlich heisst, Bewegung der Welt auf den ,richtigen‘ Zustand hin wollen, und wir wissen, dass dem ethischen Erlebnis das Erlebnis der Verantwortlichkeit des Menschen für diese Bewegung innewohnt.“

 

Die „Werthaftigkeit“ des Elternhauses erklärt, warum Solange Ärztin und Kämpferin für die linke Sache wurde, namentlich für soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit. Einen Arzt heiratete sie auch und bekam, wie ihre Eltern, zwei Kinder. „Vornehme akademische Lauheit“ war ihre Sache nie. „Dies ist auch“, sagte Jakob Schmid, „die Gefahr eines Milieus, in dessen sittlicher Lebensgestaltung ein ,edler Defaitismus’  Platz gegriffen hat. Darunter will ich alles verstehen, was nicht Aufruf ist zum Aufstand gegen die Gültigkeit von Normen, sondern Aufruf dazu, die Waffenstreckung vor dem Normativen als berechtigt oder doch begreiflich zu empfinden. – Im philosophischen Defaitismus geschieht es in dunkeln Wendungen wie etwa der des ,Geworfenseins des Menschen‘ in dies und das. Und im theologischen Defaitismus erhält das Wort davon, ,dass wir allzumal Sünder‘ sind, eine ethische Freipassgültigkeit, die ihm nicht zukommt.“

 

Während Solange Peters aus ihrem Leben erzählt, denkt man: Die weiss über alles Bescheid! Sie ist ausgeflippt, hat viel „geraucht“ (ihr Ausdruck), hat in Bars gearbeitet, das Nachtleben genossen, daneben am Gymnasium und an der Universität Bestleistungen hingelegt, hat anfangs in der studentischen, dann in der lokalen Politik angefangen, als Sozialdemokratin Karriere zu machen – und irgendwann ging das alles über die Kraft. Sie musste sich neu besinnen.

 

Der Körper hat sich entspannt. Die Hände kommen ab und zu ins Spiel. Solange Peters erzählt von ihrer gegenwärtigen Arbeit mit den Patienten, von der Forschung, vom Universitäts- und Wissenschaftsbetrieb, von der europäischen Standesorganisation für Onkologie, die sie präsidiert, von der Familie, die auf acht, neun, nein: zehn Mitglieder angewachsen ist, und man fragt sich: Mein Gott, wie schafft sie das? Und dann sagt man sich: „Sie ist halt eine Nummer grösser.“ (Neider würden sagen: „Eine Nummer zu gross!“) Es ist ja doch, wenn auch nicht gerade in unserem Umkreis, denkbar, dass jemand überdurchschnittlich viel Power hat; und dann kommt er/sie eben auch überdurchschnittlich weit. Das Beispiel zeigt’s.

 

Solange Peters blickt jetzt in die Zukunft: Sie ist 46. Falls die Partei sie auf die National- oder Ständeratsliste setzt, wird sie sich dem nicht widersetzen. Gerechtigkeit und Chancengleichheit sind, sagt sie, im Schweizer Gesundheitswesen noch längst nicht realisiert. Dazu könnte sie ihr Teil leisten. Sie kann sich aber auch vorstellen, diese Postulate in der aussereuropäischen Welt durchzubringen.

 

Hinter dem mehrflügeligen, herrschaftlich gebogenen französischen Fenster bewegt der Wind freistehendes, sonnenbeschienenes Blattwerk. Dort findet das Leben statt. Hier, im karg möblierten Wohnzimmer, hat sich Solange Peters nur niedergelassen, um vor dem kalten Auge der Kamera Auskunft zu geben. Sie wird gleich aufstehen und hinausgehen. Dort wird sie sie sich mit der gleichen Offenheit einbringen wie jetzt.

 

Und davon leitet sich ihre Power ab: Solange Peters schenkt der Situation die volle Präsenz. Das bedeutet: Ehrlichkeit in jedem Moment. Auch im Moment der „Plans Fixes“-Aufnahme. Sie verschweigt nicht, dass es sie traurig machte, als ihr Sohn, der auf dem Spielplatz umgefallen war, beim Vater Trost suchte und nicht bei ihr. Oder dass die Tochter ihr verheimlichte, den ganzen Tag erbrochen zu haben, um sie nicht zu stressen. Solange Peters ist eben, weil überall gefragt, überall zu oft abwesend, im Spital, an der Uni, in der Familie. Und doch: Wenn sie da ist, ist sie „da“. Das zeigt ihr Film eindrucksvoll.

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