Georges Peters: Arzt, Pharmakologe und Politiker.

25. Januar 1920 – 27. Januar 2006.

 

Aufgenommen am 5. Februar 1997 in Lausanne.

http://www.plansfixes.ch/films/georges-peters/

 

> Jena – Istanbul – London – Jena – Mainz – New York – Lausanne. Auf diesem Weg wurde Georges Peters zum Arzt, zum Pharmazeuten, zum Medizinprofessor. Nachdem er in Lausanne das Schweizer Bürgerrecht erworben hatte und sich als Bürger der Welt und der Waadt betrachten durfte, liess er sich als Mitglied der sozialistischen Partei zuerst ins kommunale, dann ins kantonale Parlament wählen. Und an allen Stationen stand er ein gegen Kapitalismus, Ungerechtigkeit, Ungleichheit und Rassismus. <

 

Georges Peters gehört zur Sorte Prominenz, die an der Schule keine Schwierigkeiten hat und in allen Fächern Bestnoten erntet. Schwierigkeiten macht sie dafür oft den Lehrern. Sie widersetzt sich nämlich, in den Worten des ehemaligen Berner Pädagogikprofessors Jakob R. Schmid, allem, „was eine verbreitete Meinung will, eine herrschende Mentalität“.

 

Der Masse gegenüber steht die „Elite“ (Schmid) als Gruppe jener Eigen- und Widerständigen, „die Meinungen ‚machen‘ und von denen Prägung, Umprägung, Neuprägung herrschender Mentalität ausgeht, auch in kleinen Menschenkreisen. – Das sind die, die man meist schon in der Jugend als starke Persönlichkeiten erkennt. Es sind die, mit denen viele Erzieher nicht gerne zu tun haben … Heute aber muss die Erziehung vor allem gerade mit ihnen zu tun haben wollen.“

 

In den dreissiger Jahren, als Georges Peters das Jenaer Gymnasium besuchte, predigte die „herrschende Mentalität“ Antisemitismus, Franzosenhass, Revanchismus und Führerkult. Zum Zeichen des Bekenntnisses waren die Häuser mit Nazi-Symbolen beflaggt. Nur gerade das Haus, aus dem Georges Peters kam, trug, wie noch zwei weitere, die Farben Schwarz-Rot-Gold. So war er gekennzeichnet von Anfang an.

 

Als Anti-Nazi trat er in Verbindung mit der kommunistischen Jugend. Mit 17 Jahren, 1937, machte er das Abitur. Bei der Feier war es Brauch, dass der Rektor das Fach nannte, das der Abiturient anzustreben gedachte. Um ihn zu ärgern, gab Georges Peters den Berufswunsch „Rabbiner“ an.

 

In Wirklichkeit hatte er sich bis zu diesem Zeitpunkt – wie auch sein Vater, ein Physiologieprofessor – nie als Jude betrachtet. „Doch wenn Juden angegriffen werden, fühle ich mich als Jude; und wenn Schwarze angegriffen werden, als Schwarzer“, erklärt der 77-jährige am Ende seiner Lebensbahn bei der Aufnahme für die „Plans Fixes“.

 

Die Gefährdung nahm zu. Für die Juden in Jena wurde es Zeit abzureisen. Vater und Sohn verliessen miteinander das Reich. In Wien, ein Jahr vor dem „Anschluss“, suchte Georges nun Botschaft um Botschaft auf, bis er von der türkischen ein Visum bekam – und mehr als das: die Genehmigung, Medizin zu studieren; mitsamt Stipendium.

 

In Istanbul kam er an eine Universität, an der viele Emigrierte lehrten, Erich Auerbach etwa, der dort seine grundlegende Untersuchung „Mimesis“ verfasste: „Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur“ (bei Amazon „Prime Lieferung bis morgen, noch 10 auf Lager, durchschn. Kundenrezension *****“). Vom zweiten Jahr an wurden die Medizinstudenten ans Krankenbett geschickt. Dafür musste Georges Peters die Sprache des Landes im Eiltempo lernen. Und auch die grundlegenden medizinischen Manipulationen: Geburtshilfe, Zahnextraktion, Wundpflege, Operationen …

 

Als er 1947 als fertiger Arzt mit 27 nach Deutschland zurückkam, wurde er mit Angeboten bedrängt, eine Medizinprofessur zu übernehmen. Wohl passte er als Emigrant und Anti-Nazi ins „Profil“, das die Sieger wünschten, fand aber, dass diese Qualifikationen fürs Heilwesen nicht ausschlaggebend sein dürften, und verlegte sich in Mainz auf die pharmazeutische Forschung. Sie führte ihn mit vierzig als Assistenzprofessor nach New York und, zwei Jahre später, an die Universität Lausanne. Da wurde er bald Ordinarius und leitete das pharmakologische Institut zwanzig Jahre lang bis zu seiner Emeritierung.

 

Eigenständigkeit, das heisst Widerständigkeit, blieb sein Markenzeichen. 1968 versammelten sich die rebellischen Studenten in seinem Institut, unterstützt von der Oberassistentin, Georges Peters Frau. „Ich stand auf ihrer Seite“, erklärt der Alte im Film. „Schwierigkeiten hatte ich deswegen mit den Kollegen nicht. Im Gegenteil, verschiedene suchten bei mir Schutz, aus Angst vor den Studenten.“

 

Deftige Kritik an den Verhältnissen äussert Georges Peters nun auch gegenüber der pharmazeutischen Industrie. Er denunziert den Kapitalismus, die Ungerechtigkeit, die Ungleichheit und den Rassismus, die in seinen Augen das Heilwesen durchziehen. Er macht das eher heiter als geifernd, denn er meint, der Lauf der Welt werde, nein, müsse auf Gerechtigkeit zusteuern. – Seine Tochter > Solange Peters, heute ebenfalls Medizinprofessorin an der Universität Lausanne, ebenfalls Mitglied der sozialistischen Partei, ebenfalls (vorübergehend) Stadt- und Kantonsrätin, vertritt in ihrem „Plans Fixes“-Porträt, 21 Jahre nach dem des Vaters, mit den gleichen Worten die gleichen Anliegen.

 

„So liesse sich denn sagen“, resümierte Jakob R. Schmid, „die Erziehung meine, indem sie sich das optimale Fähigwerden des Zöglings zu ‚richtiger‘ Lebensgestaltung zum Ziele setzt, das Optimum an Fähigkeit zu sinnhafter Lebensgestaltung. Somit besteht das reale Ziel, auf das unsere Erziehung ausgerichtet ist, darin, dass jeder junge Mensch optimal fähig zu kulturgünstiger Lebensgestaltung werde. Und dies heisst: entsprechend der ihm gegebenen Möglichkeiten soll unser Zögling fähig dazu werden, das Leben so zu gestalten, dass in ihm die Werte, auf deren Anerkennung unsere Kultur beruht, den ihnen zukommenden Geltungsraum erhalten.“

 

Einfacher gesagt: Tue das Gute und lasse das Böse! Widerstehe dem moralischen „Defaitismus“, der sich laut Schmid in der Haltung zeigt: „Der Mensch ist nun mal so. Wir können die Welt nicht ändern.“ Unsinn!, entgegnen dazu gleichlautend Vater und Tochter in ihren „Plans Fixes“-Porträts, aufgenommen 1997 und 2018.

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