André Ntashamaje: Von Ruanda ins Greyerzerland.

5. Mai 1941 – 18. Mai 2007.

 

Aufgenommen am 18. April 1998 in Bulle.

André Ntashamaje – Association Plans Fixes

 

> André Ntashamaje wurde von den ruandischen Völkermordsgreueln weggeführt ins friedliche Greyerzerland. Da fand er nicht nur Asyl, sondern auch das Schweizer Bürgerrecht. Auf der Liste der sozialdemokratischen Partei kam er zuerst ins Gemeindeparlament, dann in den Freiburger Grossen Rat. Er trat aus dem Priesterstand aus, heiratete eine Ruanderin und zeugte mit ihr drei Kinder. Der Herr führet seine Heiligen wunderlich. <

 

André Ntashamaje beginnt seinen Lebensweg im Land der tausend Hügel. So heisst die Gegend von Ruanda, in der er die Kindheit verbringt. Auf jedem Hügel steht ein Haus. Darum herum weiden Kühe. Sie sind der Stolz und der Reichtum der Menschen. André darf drei, vier sein eigen nennen – Geschenke der Verwandten. Er trinkt die Milch seiner Kühe und bietet sie auch den Kameraden an, wenn sie lieb sind und er sie mag.

 

Prägende Gestalt ist die Mutter. Sie bringt nach dem frühen Tod des Mannes die Familie durch. Man muss sie sich als Gotthelfsche Bäuerin vorstellen, etwa als zupackendes Änneli aus „Geld und Geist“:

 

Kuraschiert ging sie an alles hin, und an den Fingern blieb ihr nichts kleben. Sie war in ihrer Jugend viel gerühmt worden wegen ihrer Gleitigkeit [Behendigkeit]; so ging es ihr bis ins Alter nach, dass sie gerne voran war in allem.

 

Die Vorbildlichkeit hat Eindruck hinterlassen. André Ntashamaje erinnert sich, wie er einmal im Regen die Mutter zur Türe rief: Man sah von dort aus, wie eine Nachbarin aus dem Garten der Familie Gemüse stahl. Die Mutter legte ihm die Hand auf den Mund:

 

Still! Es ist schon beschämend für sie, dass sie die Armut zum Stehlen zwingt. Wenn du sie als Diebin anzeigst, beschämst du sie ein zweites Mal.

 

Für den Besuch der ersten Klasse musste der Bub eine Stunde lang gehen. Er stand dabei Todesängste aus, denn der Weg führte durch den Wald. Er fürchtete sich vor den Zwergen, die dort hausten, und vor den Vaganten, die ihm begegnen konnten. Für die weiteren Klassen betrug der Weg zwei Stunden. Darum übernachtete er nun am Schulort bei einem Cousin.

 

Die katholische Kirche warf ein Auge auf den aufgeweckten Jungen. Selbstverständlich trat er ins Priesterseminar ein. Und da begab es sich, dass er einen Studienplatz im Wallis erhielt, gerade, bevor der Völkermord in Ruanda losbrach. André Ntashamaje umschreibt die Hintergründe des Genozids und schildert mit wenigen Worten die Geschehnisse. Sie sind nicht weniger grauenhaft als die Zusammenfassung des dreissigjährigen Kriegs im dtv-Atlas.

 

Im Wallis knüpft André derweil Freundschaft mit den Seminarkollegen. Er wird in ihre Familien mitgenommen und erlebt die Gastlichkeit der welschsprachigen Winzer und Bauern. Sie sticht ab von der Strenge des Seminars.

 

Hier erfolgt der Unterricht noch auf Lateinisch. Und der Blick auf die Welt und die Religion ist ausgesprochen eng. Die jungen Männer aber beschaffen sich die theologische Literatur ihrer Zeit. Das zweite vatikanische Konzil hat die Dinge ausserhalb von Sierre in Gärung gebracht.

 

Im Lehrsaal strecken die jungen Männer den Arm auf. Sie konfrontieren den Lehrer für Ethik mit der Tatsache, dass der katholische Theologe Karl Rahner neue Ansichten entwickelt hat. Doch Monsieur Schnyder schlägt die Einwände nieder:

 

Schweigen Sie! Ich spreche! Denn ich kenne die Wahrheit!

 

Das Fernsehen berichtet derweil vom Völkermord in Ruanda. Laut Brockhaus fallen ihm „innerhalb weniger Wochen 800 000 bis 1 Million Tutsi und oppositionelle Hutu zum Opfer“. André ist Tutsi. Er sieht in den Fernsehnachrichten, wie die Leichen den Fluss hinunterschwimmen.

 

In dieser Zeit ruft ihn sein Bischof nach Ruanda zurück. Die Meldungen stimmten nicht. Es handle sich um Lügen. Er müsse seinen Dienst in der Kirche antreten.

 

Massnahmen gegen die Gewalt

 

Als Herr Keuner, der Denkende, sich in einem Saale vor vielen gegen die Gewalt aussprach, merkte er, wie die Leute vor ihm zurückwichen und weggingen. Er blickte sich um und sah hinter sich stehen – die Gewalt.

„Was sagtest du?“ fragte ihn die Gewalt.

„Ich sprach mich für die Gewalt aus“, antwortete Herr Keuner.

Als Herr Keuner weggegangen war, fragten ihn seine Schüler nach seinem Rückgrat. Herr Keuner antwortete: „Ich habe kein Rückgrat zum Zerschlagen. Gerade ich muss länger leben als die Gewalt.“

 

Bertolt Brecht: Geschichten vom Herrn Keuner.

 

Ob Brecht an Erasmus gedacht hat?

 

Für Erasmus ist eine gute Regierung diejenige, die mit allen Mitteln den Frieden und die Harmonie aufrechterhält: diese Tat ist verdienstvoller als die Eroberung von ganz Afrika. Während die Kirche „gerechte“ Kriege zulässt, ist der Humanist misstrauisch gegenüber dieser subjektiven und zweifelhaften Vorstellung. Der gerechteste aller Kriege bringt dem Sieger eine Reihe von Leiden, die sich mit dem, was auf dem Spiel stand, nicht vergleichen lassen. Und diejenigen, die am meisten leiden, sind diejenigen, die der Streitgegenstand am wenigsten anging. Im Krieg werden Opfer gebracht, von denen ein Zehntel ausgereicht hätte, um den Frieden zu erhalten – oder gar zu erkaufen. Und der Konflikt hat nichts endgültig gelöst; er trägt die Saat neuer Kämpfe in sich, denn es genügt, die Namen der Völker, also leere Etiketten, ins Feld zu führen, um Animositäten neu zu entfachen. Unsere Kriege sind Bürgerkriege. Das Leben des Menschen ist so kurz, so zerbrechlich, von so vielen Übeln bedroht, dass die Menschheit es nicht nötig hat, sich eine neue Geissel zu erschaffen, die tödlicher ist als alle anderen.

 

> Alfred Berchtold: Erasme: Combat pour la paix, in: Bâle et l’Europe.

 

André Ntashamaje sieht sich nicht zum Märtyrer gemacht. Statt sich nach Ruanda zu begeben, bittet er den Vatikan, ihn in den Laienstand zurückzuversetzen. Er beendet sein Studium mit dem Doktortitel und wird Lehrer. Die Gemeindeversammlung von Bulle nimmt sein Einbürgerungs­gesuch einstimmig an.

 

Für die Mitbewohner des Quartiers setzt sich André Ntashamaje gegen Mietpreiserhöhungen ein und bekommt zweimal recht. Das führt die sozialdemo­kratische Partei auf den Plan: „Sie haben Politik gemacht, ohne es zu wissen. Jetzt ist es Zeit, dass Sie sich auf unsere Liste setzen lassen.“ Bei den Wahlen auf Gemeindeebene macht er ein Spitzenresultat. Und dasselbe noch einmal, ein halbes Jahr später, bei den Kantonsratswahlen.

 

„Wie würden Sie Ihr Leben zusammenfassen?“, fragt Bertil Galland am Schluss des Gesprächs.

 

Man muss Glauben an sich selbst haben, um genug Kraft zu haben, auf die anderen zuzugehen; Glauben an sich selbst, um Glauben an die Menschen und Glauben an Gott zu haben. So gibt es Brüderlichkeit.

 

Am 18. Mai 2007 erliegt André Ntashamaje einer langen Krankheit.

 

Am 4. Juni meldet aus Genf der „Blick“:

 

Ein Putzmann will im abgestellten TGV die Toiletten reinigen. Da findet er eine junge Frau. Blutverschmiert. Sie atmet noch.

Der Putzmann alarmiert sofort die Sanität. Zu spät. Die Frau stirbt in der Toilette. Sie hat mehrere Messerstiche im Körper. Das Messer liegt neben ihr.

Die Genfer Polizei tappt im Dunkeln. Bisher weiss sie nur: Die Tote heisst Ange Mugeni, sie wurde in Ruanda geboren und studierte Wirtschaft in Lyon (F). Ange wurde 21 Jahre alt.

Mit dem TGV reiste sie in der Nacht zuvor nach Genf. Von dort wollte sie weiter nach Bulle FR. An die Beerdigung ihres Onkels.

In der Westschweiz ist ihr Onkel André Ntashamaje (66) ein bekannter Mann. Der Lehrer stand 1994 als erster Farbiger einem Gemeinde­parlament vor.

Ange wollte ihrem Onkel das letzte Geleit geben. Jetzt muss die Familie auch um sie trauern.

 

Der Herr führet seine Heiligen wunderlich.

 

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