Nivomalala Rajoelina: Aus Antananarivo in die Vallée de Joux.

5. Dezember 1972 –

 

Aufgenommen am 18. Mai 1995 in L’Abbaye.

Nivomalala Rajoelina – Association Plans Fixes

 

> Nivomalala Rajoelina ist mit Abstand die jüngste Persönlichkeit in der 350-köpfigen Galerie der Westschweizer Prominenz, die von den „Plans Fixes“ verewigt wurde. 1995, zum Zeitpunkt der Aufnahme, war sie erst gerade 23 Jahre alt. Und doch hatte sie schon mehr zu erzählen als manche andere mit 75. Das Unglück – und das Glück im Unglück – hatte sie schneller reifen lassen als andere. <

 

Eine ganze Reihe von Umständen, die sich unter der Formel „Wenn nicht …“ zusammenfassen lassen, hat die kleine Nivomalala Rajoelina aus der Hauptstadt Madagaskars mit 1’300’000 Millionen Einwohnern nach L’Abbaye im Norden des Kantons Waadt geführt. Dort leben 1’300 Menschen in drei Dörfern. Dort geht die kleine Afrikanerin zur Schule, dort lebt sie mit ihrer zweiten Familie, und von dort aus geht sie in die Lehre.

 

Die erste Familie lebt derweil immer noch in Antananarivo. In sie hinein wurde Nivomalala 1972 als jüngstes von vier Kindern geboren. Die Eltern arbeiteten. Der Vater war als Vermesser oft abwesend. Die Grossmutter sorgte sich um Haushalt und Kinder. Vor dem Essen falteten alle die Hände. Die Religiosität gab dem Tag Struktur und den Kindern Halt.

 

Daneben gab es in der Millionenstadt, von der Grossmutter eingerichtet, unterm Dach noch, wie bei Ibsens „Wildente“, ein geheimes Paradies:

 

(Durch die geöffnete Tür sieht man in einen grossen, langgestreckten, unregelmässigen Bodenraum mit Ecken und Winkeln und freistehenden Schornsteinen. Einzelne Teile des grossen Raumes sind hell beleuchtet vom Mondlicht, das durch die Dachluken hereinfällt, während andere Teile in tiefem Schatten liegen.)

 

Ekdal (zu Gregers). Kommen Sie ruhig näher ran, Sie da.

Gregers. Was ist das denn eigentlich?

Ekdal. Sie können ja mal nachsehn – hm.

Hjalmar (etwas verlegen). Das hier ist sozusagen Vaters Bereich.

Gregers (an der Schiebetür, sieht hinein in den Bodenraum). Sie halten hier ja Hühner, Hauptmann Ekdal.

Ekdal. Sollte ich meinen, dass wir Hühner halten. Sitzen jetzt oben auf ihrer Stange. Aber Sie sollten diese Hühner mal bei Tageslicht sehen, mein Bester!

 

Nivomalala lernte, die Hühner zu füttern. An Weihnachten und anderen Festtagen kamen sie gebraten auf den Tisch. Wenn das Mädchen draussen spielte, passten die Brüder auf sie auf. So hätte es friedlich weiter und weiter gehen können, wenn nicht … Nivomalala einer unidentifizierten Lebensmittel­vergiftung zum Opfer gefallen wäre. Die Eltern brachten sie zum Arzt, und der entschied sich ohne weitere Untersuchung für die Diagnose „Magengeschwür“. Zur Therapie setzte er eine Serie von zehn Injektionen fest.

 

Nach jeder Spritze ging es dem Mädchen schlechter. Nun brachten es die alarmierten Eltern ins Spital. Die Ärzte entdeckten im Urin grosse Mengen von Eiweiss. Um die Ursache zu finden, nahmen eine Nierenbiopsie vor. Da das Land für die Untersuchung der Probe nicht ausgerüstet war, wurde sie ins Universitätsspital Lausanne geflogen. Von dort kam die Diagnose Nierenrisse. „In dem Fall können wir nichts machen“, sagten die Ärzte. „Sie müssen schauen, dass Sie Ihre Tochter in der Schweiz behandeln lassen können.“

 

Nun war guter Rat teuer. Lange sah es danach aus, dass die Familie das Mädchen aufgeben müsse, wenn nicht … jemand im Spital den Wink gegeben hätte, es mit Terre des Hommes zu versuchen. Die Organisation, 1960 von > Edmond Kaiser gegründet, unternahm es nach Prüfung des Dossiers, Nivomalala zur Kur in die Schweiz auszufliegen.

 

Mehrere Wochen musste sie mit fünfzig bis sechzig Leidensgenossen im Auffanglager für Kinder auf ein Spitalbett warten. Mitleid schenken die kleinen Wesen einander nicht, vielmehr gab es Rivalität über die Schwere der Fälle. Bei uns rufen die Kinder: „Ätsch, nun hat meine Grossmutter das Bein auch gebrochen, nicht nur deine!“ Und im Auffanglager sagten sie zu Nivomalala: „Du bist ja ganz gesund, man sieht dir nichts an. Aber schau mal, wie ich verbrannt bin!“

 

Am Universitätsspital Lausanne wurde Nivomalalas Zustand mit Hilfe von Proteinzugaben stabilisiert. Dann kam sie wieder nach Madagaskar. Dort verschlimmerte sich der Zustand. Deshalb hiess es wieder: „Wir sind am Ende. Sie müssen schauen, dass Sie die Tochter in der Schweiz behandeln lassen können.“ Wieder ging ein Gesuch an Terre des Hommes.

 

Doch diesmal wurde die Behandlung so teuer, dass sie andere Fälle gefährdete. Nivomalala wäre deshalb nicht wieder nach Lausanne gekommen, wenn nicht … die Sozialarbeiterin, die ihren Fall bearbeitet hatte und die für sie zuständig geblieben war, im Urlaub gewesen wäre, als das Dossier zur Entscheidung anlangte. Die Stellvertreterin gab grünes Licht; das Mädchen kam wieder ins Auffanglager, dann ins Spital und schliesslich in eine Pflegefamilie.

 

So gelangte Nivomalala im Alter von zehn Jahren nach L'Abbaye in der Vallée de Joux, ausgerüstet mit einem AV-Shunt, das heisst einer Anschlussstelle an der Bauchdecke für die Schläuche des Dialysegeräts. Vier mal am Tag nahmen die Pflegeeltern die Nierenwäsche vor, und einmal pro Woche musste Nivomalala zur Kontrolldialyse ins Universitätsspital. Daneben besuchte sie die Schule und anschliessend eine Lehre als Tourismusfachfrau.

 

Auf diese Weise hätte es weiter und weiter gehen können, wenn nicht … eines Tages ein Spenderorgan angefallen wäre, das Nivomalala die Rückkehr in ein normales Leben ermöglicht hätte. Zwar muss sie zur Kontrolle weiterhin regelmässig ins Universitätsspital, aber auf Schläuche und Dialyse ist sie nicht mehr angewiesen. Sie kann in einem Reisebüro arbeiten, die Kunden bei ihren Urlaubswünschen beraten und davon träumen, den Kontakt mit Madagaskar zu intensivieren, indem sie sich für Ferien auf ihrer Heimatinsel spezialisiert.

 

Für die Brüder, die dort leben, ist es trotz aller Studien schwer, Arbeit zu finden. So betrachtet, war es für Nivomalala noch ein Glück, dass sie einer Lebensmittelvergiftung zum Opfer fiel. Aber bei dieser Feststellung hätte die Tante Jolesch den Finger gehoben.

 

In seinem Erinnerungsbuch „Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten“ berichtet Friedrich Torberg vom „jüdischen Bedürfnis, einem schon geschehenen Missgeschick hinterher eine gute Seite abzugewinnen“:

 

Die hier zur Anwendung gelangende Floskel lautet: „Noch ein Glück, dass …“ und kann sich beispielsweise auf eine plötzliche Erkrankung beziehen, die nur dank rascher ärztlicher Hilfe zu keiner Katastrophe geführt hat: „Noch ein Glück, dass der Arzt sofort gekommen ist“; oder es kann „noch ein Glück“ sein, dass bei dieser Gelegenheit ein andrer gefährlicher Krankheitskeim entdeckt und entschärft wurde.

 

An dieser Stelle mischte sich die Tante Jolesch ins Gespräch. Sie hob mahnend den Finger und sagte mit grossem Nachdruck: „Gott soll einen hüten vor allem, was noch ein Glück ist.“

 

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