Germaine und Robert Hainard: Maler, Bildhauer und Gravierer.

Germaine: 2. Dezember 1902 – 29. Oktober 1990.
Robert: 11. September 1906 – 26. Dezember 1999.

 

Aufgenommen am 22. Mai 1984 in Bernex.

Germaine et Robert Hainard – Association Plans Fixes

 

> Nicht von unserer Zeit. Ein 16-jähriger meldet sich beim Vater ab. Er gehe spazieren. Wohin? An die Rhone. Mit wem? Mit Fräulein Roten ... Am Ufer des wilden, damals noch nicht korrigierten Stroms geniessen die beiden das Glück des Zusammenseins – beim Zeichnen. Jedes hat sein Skizzenbuch auf den Knien. Es geht ihnen darum, die Natur genau so, wie sie ist, festzuhalten. 65 Jahre später ist das immer noch ihr Konzept. Doch jetzt sind die beiden ein glücklich verheiratetes Künstlerpaar. <

 

Robert und Germaine Hainard befinden sich an der Schwelle zu den Achtzigern, als sie das Team der „Plans Fixes“ in ihrem Atelier aufsucht. Die Filmleute dokumentieren ein Projekt, das nicht mehr unserer Zeit entspricht: Ewige Liebe. Von Jugend an haben Germaine und Robert miteinander gelebt. Haben Kinder gezeugt und erzogen. Sind aufeinander zugewachsen. Haben nebeneinander gemalt und die gleichen künstlerischen Ansichten geteilt. Jetzt, wo sie der Kamera Auskunft geben, zeigt sich, dass die beiden zwei und doch eins sind: Muster einer glücklichen Paarbeziehung.

 

Während das eine spricht, hört das andere zu; zupft versonnen einen Faden aus dem Ärmel; fährt mit dem Stichel über eine Gravierplatte, den Blick auf das Objekt, das Ohr auf den Partner gerichtet. Die beiden kennen sich gut, bis in den letzten Winkel. Während Germaine Robert beschreibt, nickt er und lächelt. Manchmal fasst sie ihn an der Schulter: „Erzähl doch, wie das war mit dem Bären …“ Germaine nimmt Robert die Worte nicht aus dem Mund. Sie lässt ihm seine Erlebniswelt, auch wenn sie sich in ihr so gut auskennt wie in der ihren, denn im Lauf von 65 Jahren haben die beiden alles miteinander geteilt.

 

Zart und liebevoll haben sie einander auch aufmerksam gemacht auf ihre Schwächen: „Selbstkritik kann lähmen“, sagt Robert zu Germaine. „Du warst häufig zu streng zu dir.“ Sie wiegt den Kopf. Er beharrt: „O ja!“ Jetzt senkt sie den Blick. Er hat recht. Diese Fessel konnte sie nicht sprengen. Darum gab sie das Malen auf. Dabei schrieb noch im Oktober 1979 der Kunstkritiker Arnold Kohler, sie sei „zweifellos der bemerkenswerteste Landschaftsmaler des 20. Jahrhunderts, den wir in der Schweiz haben“.

 

Doch Landschaftsmalerei ist nicht mehr von unserer Zeit. Darum erschien Arnold Kohlers Urteil auch nicht in einem Fachblatt oder gar in der Rubrik „Literatur und Kunst“ der einst angesehenen NZZ, sondern bloss in der für Kunstbelange nie angesehenen Coop-Zeitung. Porträtmalerei – ein weiteres Exzellenzfeld von Germaine Hainard – ist ebenfalls out. Und Tiermalerei, Roberts Kerndomäne, sowieso. Dafür gibt es heute ausgeklügelte Film- und Fotofallen.

 

Um das animalische Leben bildnerisch festzuhalten, braucht niemand mehr nächtelang bei strengen Minustemperaturen auf der Lauer zu liegen. Robert musste dieses Opfer noch bringen. Um das Tier zu verstehen, musste er in sein Habitat schleichen, niederkauern und reglos warten, lange, lange Zeit, eine, zwei, drei Wochen, bis es herankam. Dann kreuzten sich für einen Moment die Blicke ... und weg.

 

Bei diesen Begegnungen sog Robert die Bewegungen des Tieres in seine Muskeln auf. Durch Mimetismus gelang es ihm, noch vor der Erfindung des Wortes „ganzheitlich“, den Charakter des animalischen Wesens in seinem Körpergedächtnis niederzulegen und beim Malen wieder heraufzuholen. Aus diesem Grund wirken seine Darstellungen gleich lebendig wie die Vogelbilder der Bieler Tier- und Pflanzenmaler Robert: Léo Paul (1851–1921) und Paul-André (1901–1977). Sie inspirerten > Julien Perrot, für seine Zeitschrift „La Salamandre“ auf Zeichnungen zu setzen statt auf Fotografien.

 

Gemeinsam ist den Hainards und den Roberts ihre unzeitgemässe Haltung. Ein Jahr nach Aufnahme des Genfer Paars für die „Plans Fixes“ fragte Heinrich Spinner im Zusammenhang mit der Bieler Familie:

 

Was ist wohl das Geheimnis, dass diese Bilder eine so starke Wirkung ausüben? Die gegenwärtige Welle der Sehnsucht nach unverdorbener Natur erklärt es zu wenig. Ist es nicht die tiefe Hinwendung zur Schöpfung, die den Betrachter gefangen nimmt? Dieser geniesst nicht nur ‚schöne Bilder‘, sondern wird, auch bei sachlicher Kargheit, mithineingezogen in eine Naturfrömmigkeit, die ihm ein besonderes Erlebnis bedeuten kann. Nicht ohne Grund denkt man bei der entsagungsvollen, endlosen Kleinarbeit an die Arbeit mittelalterlicher Mönche. Die Zuwendung zur Schöpfung wird als eine Ehrung empfunden, die nicht das Objekt für einen künstlerischen Zweck verwendet und deshalb sozusagen missbraucht. Der Betrachter spürt, vielleicht unbewusst, eine Andacht und Demut, und das ergreift ihn. Wie wenn Tiere und Pflanzen ein Gegenüber wären, dem man mit Ehrfurcht begegnet.

 

Ehrfurcht. Nicht von unserer Zeit.

 

Gelangt die Kunst durch Nachahmung der Natur, durch Bemühung, sich eine allgemeine Sprache zu machen, durch genaues und tiefes Studium der Gegenstände selbst endlich dahin, dass sie die Eigenschaften der Dinge und die Art, wie sie bestehen, genau und immer genauer kennenlernt, dass sie die Reihe der Gestalten übersieht und die verschiedenen charakteristischen Formen nebeneinanderzustellen und nachzuahmen weiss, dann wird der Stil der höchste Grad, wohin sie gelangen kann, der Grad, wo sie sich den höchsten menschlichen Bemühungen gleichstellen darf.

 

Der Stil erhebt das Individuum zum höchsten Punkt, den die Gattung zu erreichen fähig ist, deswegen nähern sich alle grossen Künstler einander in ihren besten Werken. So hat Raffael wie Tizian koloriert, da wo ihm die Arbeit am glücklichsten geriet. Die Manier hingegen individualisiert, wenn man so sagen darf, noch das Individuum. Der Mensch, der seinen Trieben und Neigungen unaufhaltsam nachhängt, entfernt sich immer mehr von der Einheit des Ganzen. (Johann Wolfgang von Goethe)

 

Hainard, Robert, Goethe: Die Einheit des Ganzen.

 

Nicht von unserer Zeit.

 

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