Julien Perrot: In der Natur der Dinge.

7. September 1972 –

 

Aufgenommen am 14. April 2016 in Saint-Blaise.

Julien Perrot – Association Plans Fixes

 

> Wegen einer schweren Augendeformation muss Julien Perrot eine Brille mit sogenannten Flaschenbodengläsern tragen. Als er elf Jahre alt ist, lassen sich die Eltern scheiden. Der Junge gründet eine Zeitung: „La Salamandre“. 33 Jahre später, zum Zeitpunkt der Aufnahme für die „Plans Fixes“, ist sie immer noch werbefrei. Zehntausende lesen die Beiträge im Netz. 28’000 haben die Print-Ausgabe abonniert. 15’000 die Junior-Ausgabe. Das Unternehmen wird betrieben von Angestellten, und Julien Perrot fungiert als Unternehmer, Verleger und Chefredaktor. Aber allen Beteiligten geht es immer noch ums selbe Thema: die Natur, die vor der Haustür beginnt. <

 

Zweitletzter Tag des Monats Februar. Trudi und Otto Aeschlimann, die ältesten Einwohner unseres Blocks (beide 82), gehen einkaufen. Der Weg führt sie über den Fussgängersteg des Allmendbachs zur Bahnhof­unterführung und von dort zu Migros, Coop, Denner und Lidl. Für die Strecke benötigt das betagte Paar sieben Minuten. Die übrigen Parteien des Blocks verschieben sich derweil mit schweren, zum Teil überschweren Dieselfahrzeugen (SUV) in die Tiefgaragen der genannten Supermärkte.

 

An diesem zweitletzten Tag des Monats Februar schreibt MeteoSchweiz in Blog und Wetterprognose:

 

Bereits gut eine Woche dauert das trockene, sonnige und ausserordentlich milde Wetter an. Die Temperaturen liegen zehn Grad über der jahreszeitlichen Norm. Damit erlebt die Schweiz den dritten sehr milden Februar in Folge.

 

Schweizer Radio und Fernsehen SRF meldet derweil an diesem zweitletzten Tag auf der News-App:

 

„Alarmstufe Rot“ für die Erde. UNO schlägt Alarm: Massnahmen gegen Klima-Erwärmung reichen nicht. „Im Moment ist es so, als würden wir blind in ein Minenfeld laufen“, sagte die Generalsekretärin des UNO-Klimasekretariats in Bonn, Patricia Espinosa. UNO-Generalsekretär António Guterres warnte: „Der heutige Zwischenbericht des UNO-Klimasekretariats ist Alarmstufe Rot für unseren Planeten.“

 

„Was soll man da machen?“, fragt an diesem zweitletzten Tag Werner Nuber, früher Kommunikationschef von Swisscom und SBB, beim Kaffee: „Business as usual? Wegblicken? Oder zynisch werden? Nur noch die Gegenwart geniessen, solange es geht?“

 

Die Warnungen sind ja alt, sehr alt. Im Archiv der „Plans Fixes“ finden sich dreissig-, vierzigjährige Filme mit Prominenten, die sich um den Klimawandel Sorgen machten:

 

28. Dezember 1979 > Denis de Rougemont, Schriftsteller. Er zeigt die Richtung, in die es gehen müsste. Aber er sagt auch: „Die Worte müssen zur Tat führen, sonst sind sie bedeutungslos.“

 

24. Mai 1980/18. Juli 1991 > Oscar und > Armand Forel Vater und Sohn, Ärzte. Armand zitiert einen Aphorismus seines Vaters: „Wir sollten uns in der Natur benehmen wie Gäste, nicht wie Eigentümer.“

 

22. Mai 1984 > Robert und Germaine Hainard, Tier- und Landschaftsmaler. Um das Tier zu erfassen, schlich Robert in sein Habitat, kauerte nieder und wartete reglos, lange, lange Zeit, eine, zwei, drei Wochen, bis es herankam.

 

24. Oktober 1986 > Archibald Quartier, Naturforscher. Das Selberdenken, das Bezweifeln der Tabus führt ihn zu grosser Besorgnis über das Bevölkerungswachstum in der Dritten Welt.

 

27. Januar 1993 > Jacques Freymond, Historiker. Das Wachstumsdenken mündet in die Sackgasse. Die Ausbeutung der Erde muss ein Ende haben. Wir müssen zur Biosphäre Sorge tragen.

 

Man sieht: „Die Klugen haben miteinander viel gemein[sam].“ (Goethe)

 

Doch wie steht es mit den Unklugen? Dazu Nietzsche 1878:

 

Das Mitgefühl für das allgemeine Leben und Leiden der Menscheit ist sehr schwach im Individuum entwickelt. Die allermeisten Menschen ertragen das Leben, ohne erheblich zu murren, und glauben somit an den Wert des Daseins, aber gerade dadurch, dass jeder allein will und behauptet, und nicht aus sich heraustritt wie jene Ausnahmen, welche über sich hinausdenken. Das Ausserpersönliche ist den allermeisten Menschen gar nicht oder höchstens als ein schwacher Schatten bemerkbar. Also darauf allein beruht der Wert des Lebens für den gewöhnlichen alltäglichen Menschen, dass er sich wichtiger nimmt als die Welt. Der grosse Mangel an Phantasie, an dem er leidet, macht, dass er sich nicht in andere Wesen hineinfühlen kann und daher so wenig als möglich an ihrem Los und Leiden teilnimmt.

 

Um den wahren „Wert des Lebens“ vors Auge zu führen, gründet nun aber der Junge mit den Flaschenboden­gläsern 1983 „La Salamandre“. Die Zeitschrift ist sein Beitrag gegen die Blindheit des „gewöhnlichen, alltäglichen Menschen“. 

 

Julien Perrot ist damit ein Wesensverwandter von Franz Michael Felder. Der Bauernsohn aus Schoppernau im hintersten Bregenzerwald entwickelte 1845, im Alter von sechs Jahren, ein Gefühl für das Leiden und die Würde der Kreatur, als er die älteren Knaben mit Tannzapfen spielen sah, die ihnen als Kühe dienten. Sie „behandelten ihre hölzernen Tiere nur als Werkzeuge“, bemerkte Felder, und „zerstückten sie mit scharfem Messer“, sobald es hiess, dass sie zu wenig Milch gäben:

 

Der Zerstörungstrieb und das gewiss etwas verrohende Schlachten hat mich auf die Kühe und ihre Stellung zu Menschen aufmerksam gemacht. Mir war es schmerzlich, den Menschen mit lebenden, fühlenden Wesen scheinbar ganz nach Willkür walten, sogar über Leben und Tod bestimmen zu sehen. Noch weiss ich’s, wie ich bitterlich weinte, als einst der Vater sagte, dass am nächsten Markt der gelbe Weissfuss verkauft werden müsse. Hatte doch das gute Tier uns den Sommer hindurch mit süsser Milch versehen. Und wenn es drüben hinterm Hause am Fuss des tannengekrönten Berges stand und weidete, dass sein Glöcklein läutete, es sprang doch immer gleich auf den ersten Ruf von den anderen Kühen weg zu mir an das Gatter in der Mauer, welche die Gemeindeviehweide von den Heuwiesen abschloss. Willig liess es sich in den Stall führen, an den Hälsling binden und melken. Und nun, da es weniger Milch gab und kein Kalb mehr trug, sollte es zum Danke dafür verkauft werden?

 

Ach ja, wir müssen zurück in die Schule, zurück zu den Anfängen der Aufklärung, als Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799) feststellte: „Es tun mir viele Sachen weh, die andern nur leid tun.“ Und Moses Mendelssohn (1729–1786), das Vorbild für Lessings Nathan, notierte im Alter von 19 Jahren: „Bestimmung des Menschen: Nach Wahrheit forschen; Schönheit lieben; Gutes wollen; das Beste tun.“

 

Weil die Klugen miteinander viel gemein haben, prägt das Programm der Philosophen auch Julien Perrots „Salamandre“. Es ist aktueller denn je in diesem nun zuendegehenden Monat.

 

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