Marcel Golay: Astrophysiker.

6. September 1927 – 9. April 2015.

 

Aufgenommen am 21. Juni 1999 am Observatorium von Genf in Sauverny.

Marcel Golay – Association Plans Fixes

 

> 1927 kam Marcel Golay als Sohn eines Genfer Postbeamten zur Welt. Beruflich wurde er zuerst Bauingenieur, dann Doktor der Mathematik, Direktor des Observatoriums und schliesslich Ordinarius für Astronomie und Astrophysik in Genf. Er erreichte die Vernetzung der Schweiz mit der internationalen Raumforschung ESA und ESO. Ein Asteroid erhielt seinen Namen. 2015 verunfallte er tödlich im 88. Lebensjahr. <

 

1999 ist Marcel Golay als der Mann in die Galerie der Westschweizer Persönlichkeiten eingegangen, der versuchte, das Filmporträt der „Plans Fixes“ zur Vorlesung umzugestalten. Auf dem niedrigen Tischchen vor ihm liegen zwei A4-Blätter, die seine Finger immer wieder betasten und hin und her schieben. Dort hat er aufgeschrieben, was er als Bilanz seines wissenschaftlichen Lebens der Nachwelt übermitteln will. Mit einer Zwischenbemerkung verrät er die Route: „… wie Sie später sehen werden …“

 

Der „Gesprächs“-Partner ist überflüssig; Jean Louis Peverelli akzeptiert die Randposition und bleibt weitgehend stumm. Dafür vergewissert sich Marcel Golay mit Seitenblicken zu den unsichtbaren Zeugen der Aufnahme (wahrscheinlich Mitgliedern des Observatoriums), dass er auf Kurs ist. Man merkt der Aufnahme die unterdrückte Nervosität an. Es ist für den Astrophysiker wichtig, in der gegebenen Zeit das richtige Bild von sich und der Materie zu überliefern.

 

Damit stossen zwei Grössen zusammen: der Mikrokosmos der am Film Beteiligten (der Porträtierte, das Aufnahmeteam, die Institutsvertreter, die Zuschauer) und der Makrokosmos des erkannten Universums.

 

Zum Mikrokosmos gehören das „Plans Fixes“-Porträt, welches ein paar  Dutzend Minuten und Sekunden misst, das Leben der Zuschauer, welches auf ein paar Jahrzehnte hochkommt, und die abendländisch-wissenschaftliche Kultur, welche bis zu ihrem Ende ein paar wenige Jahrhunderte umfasst haben wird.

 

Zum Makrokosmos gehört der Inhalt von Golays Vorlesung. Da wird in Milliarden gerechnet: 13,8 Milliarden Jahre seit der Entstehung des Universums, 93 Milliarden Lichtjahre für die Bemessung seiner Ausdehnung, 100–800 Milliarden für die Anzahl Sterne in unserer Galaxie und 100 Milliarden für die Zahl der Galaxien im Raum mit jeweils Hunderten von Milliarden Sternen.

 

Der König sagte: „Die erste Frage lautet: wieviel Tropfen Wasser sind in dem Weltmeer?“ Das Hirtenbüblein antwortete: „Herr König, lasst alle Flüsse auf der Erde verstopfen, damit kein Tröpflein mehr daraus ins Meer lauft, das ich nicht erst gezählt habe, so will ich Euch sagen, wieviel Tropfen im Meere sind.“ Sprach der König: „Die andere Frage lautet: wieviel Sterne stehen am Himmel?“ Das Hirtenbüblein sagte: „Gebt mir einen grossen Bogen weiss Papier“, und dann machte es mit der Feder so viel feine Punkte darauf, dass sie kaum zu sehen und fast gar nicht zu zählen waren und einem die Augen vergingen, wenn man darauf blickte. Darauf sprach es: „Soviel Sterne stehen am Himmel, als hier Punkte auf dem Papier, zählt sie nur.“ Aber niemand war dazu imstand. Sprach der König: „Die dritte Frage lautet: wieviel Sekunden hat die Ewigkeit?“ Da sagte das Hirtenbüblein: „In Hinterpommern liegt der Demantberg, der hat eine Stunde in die Höhe, eine Stunde in die Breite und eine Stunde in die Tiefe; dahin kommt alle hundert Jahre ein Vögelein und wetzt sein Schnäbelein daran, und wenn der ganze Berg abgewetzt ist, dann ist die erste Sekunde von der Ewigkeit vorbei.“

 

Sprach der König: „Du hast die drei Fragen aufgelöst wie ein Weiser und sollst fortan bei mir in meinem königlichen Schlosse wohnen, und ich will dich ansehen wie mein eigenes Kind.“

 

Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen (1819)

 

Am Beginn des Films zeigt ein Foto den Ausschnitt des Alls, in dem die entferntesten – und damit jüngsten – Galaxien liegen. Sie sind schon ein bis zwei Milliarden Jahre nach dem Big Bang entstanden und dokumentieren deshalb einen sehr frühen Zustand des Universums. Ihre Zahl geht in die Milliarden, und jede enthält unzählige Sterne. – Um den Galaxienhaufen zu erfassen, musste der Träger zehn Tage lang belichtet werden.

 

So blicken wir mit Marcel Golay an den Rand des Universums (er nennt ihn „Horizont“) – und die Frage ist: Was kommt hinter der für uns sichtbaren Grenze? Das Nichts? Wenn ja: Wie weit dehnt es aus? Endlos? Wenn ja: Ist das wiederzugeben mit ∞ Lichtjahren in jede Richtung? Wenn nein: Was kommt danach? – So oder so: Was soll das Ganze?

 

Damit landen wir bei den Vorsokratikern; etwa bei Anaximander (ca. 610–547 v. Chr.): „Anfang und Ursprung der seienden Dinge ist das Apeiron (das grenzenlos Unbestimmbare). Woraus aber das Werden ist den seienden Dingen, in das hinein geschieht auch ihr Vergehen. Nichts, was einen Anfang oder ein Ende hat, ist ewig und unbegrenzt. Das Unbegrenzte aber hat keinen Anfang.“ Mein Gott! Was für Sätze!

 

Marcel Golays Vorlesung führt an sie heran. Aber er bleibt vor ihnen stehen und formuliert sie nicht. Er hält es, wie die gesamte wissenschaftliche Astronomie und Astrophysik, mit Demokrit (460–371 v. Chr.), der postulierte, dass sich Aussagen über das Vergehen und Entstehen raum-zeitlicher Dinge in Aussagen über Konfigurationen dieser seienden Dinge übersetzen liessen. Man könne sie, nach Leukipp (um 460 v. Chr.), auf die Faktoren „Gestalt“, „Anordnung“ und „Lage“ zurückführen.

 

Wie die Astrophysiker vorgehen, um „Gestalt“, „Anordnung“ und „Lage“ zu erfassen, erklärt Marcel Golay stringent und verständlich. Das Besondere seines wissenschaftlichen Zweiges liegt ja darin, dass er mit den Objekten nicht experimentieren kann. Er kann sie nur beobachten. Das geschieht, indem er sich den Wellen zuwendet, die sie aussenden. Um sie zu interpretieren, braucht er Modelle. Und um die ausgestrahlten Wellen zu erfassen, braucht er Geräte. Um die bauen zu können, muss er Finanzen finden. Um die Finanzen zu fnden, muss er Vernetzungen schaffen.

 

So wird Marcel Golay zum Wissenschafts-Manager. Er überzeugt den Schweizer Bundespräsidenten Max Petitpierre von der Bedeutung seiner wissenschaftlichen Disziplin. „Am Anfang waren wir nur zwei in Genf“ – „In der Schweiz!“, wirft der Gesprächspartner Jean Louis Peverelli ein – „und wir konnten unserer Forschung nur Gewicht geben, indem wir ein Team schufen.“ Vor diesem Hintergrund veranlasste Marcel Golay 1966 den Umzug des Observatoriums von Genf nach Sauverny, einem Weiler an der Grenze zur Waadt: „Nicht, weil die Luft dort klarer ist, sondern damit wir unsere Forschung mit der unserer Kollegen von der Universität Lausanne verschmelzen konnten. Die Bildung des Instituts geschah durch Handschlag. Bis heute [1999] ist nichts schriftlich geregelt. Ich hoffe, dass das so bleibt.“

 

Es gibt in Sauverny noch viel zu tun: „Neunzig Prozent der Materie, aus der das Universum besteht, sind noch unbekannt.“ Marcel Golay animiert seine Assistenten, sich zu habilitierten und selber Professoren, also Kollegen, zu werden, darunter > Michel Mayor, der spätere Nobelpreisträger (2019). 1995, ein Jahr vor Ablauf von Marcel Golays Amtszeit, entdeckt Mayor den ersten Planeten ausserhalb des Sonnensystems: 51 Pegasi b. Im Februar 2020 stehen 4173 Exoplaneten in 3096 Sonnensystemen auf der Liste der Astrophysiker. So wächst das Wissen ständig weiter. Und Marcel Golay ist vergessen.

 

Aber das gehört zum Job:

 

Jeder von uns in der Wissenschaft weiss, dass das, was er gearbeitet hat, in 10, 20, 50 Jahren veraltet ist. Das ist das Schicksal, ja: das ist der Sinn der Arbeit der Wissenschaft, dem sie, in ganz spezifischen Sinne gegenüber allen anderen Kulturelementen, für die es sonst noch gilt, unterworfen und hingegeben ist: jede wissenschaftliche „Erfüllung“ bedeutet neue „Fragen“ und will „überboten“ werden und veralten. Damit hat sich jeder abzufinden, der der Wissenschaft dienen will. Wissen­schaft­lich überholt zu werden ist nicht nur unser aller Schicksal, sondern unser aller Zweck. Wir können nicht arbeiten, ohne zu hoffen, dass andere weiterkommen werden als wir. Prinzipiell geht dieser Fortschritt in das Unendliche.

 

Max Weber: Vom Beruf der Wissenschaft (1919)

 

Neunzig Prozent der Materie, aus der das Universum besteht, sind noch unbekannt. (Stand heute.)

 

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