Daniel und Nicolas Perrin: Musik, Biologie und Serendipität.

9. Januar 1955 – / 25. April 1956 –

 

Aufgenommen am 15. Januar 2019 in Grandson.

Daniel et Nicolas Perrin – Association Plans Fixes

 

> Mit 19 Jahren telegrafierte Daniel Perrin den Eltern aus Montreal: „Ich werde Musiker!“ Nicolas, ein Jahr jünger, war derweil der kreuchenden und fleuchenden Natur verfallen: tote Lebewesen legte er in den Kühlschrank, lebende nahm er in sein Zimmer. Die beiden Brüder schafften es an die Spitze. Daniel wurde Komponist und Begleiter von avantgardistischen Musik- und Theaterproduktionen in der Westschweiz, und Nicolas wurde Biologieprofessor an der Universität Lausanne. <

 

Neben der Kindheit im elterlichen Haus haben die Brüder Daniel und Nicolas Perrin gemeinsam die Erfahrung der Serendipität. Das Wort ist so ungebräuchlich, dass es nicht einmal der Fremdwörter-Duden unter seine 55’000 Eintragungen aufgenommen hat. Das Nachschlagewerk springt von „Serenade“ unverzüglich zu „Serenissima“ weiter. Hat man aber erst einmal erfahren, was unter Serendipität zu verstehen sei, bringt man das Wort kaum mehr aus dem Kopf.

 

Nicolas erklärt: „Serendipität ist ein englischer Begriff. Er bezeichnet eine zufällige Entdeckung. Der Forscher sucht nach etwas Bestimmtem und stösst dabei auf etwas Unerwartetes. Dafür muss er offen sein. Denn das Unverhoffte hilft ihm manchmal, Neues zu entdecken.“ Wikipedia nennt berühmte Beispiele: die Entdeckung des Benzolrings, des Penicillins, des Viagra, des Teflons, des Post-it, des Silikons, des Linoleums, des Teebeutels und der Nylonstrümpfe. Kein Wunder, wurde Serendipität zum Thema von Nicolas Perrins Abschieds­vorlesung bei seinem vorgezogenen Rücktritt als Biologieprofessor an der Universität Lausanne.

 

Dass man etwas Bestimmtes sucht und dabei auf etwas anderes kommt, hat auch Daniel Perrin in seinem Musikerleben immer wieder erfahren. Im Alter von 31 Jahren wurde er dazu eingeladen, die Komposition zu verschiedenen Produktionen am Centre Dramatique de Lausanne zu schreiben. In der Folge wurde das Sprech- und Tanztheater zu einem seiner musikalischen Betätigungsfelder. Später auch der Film.

 

Um sich für Projekte aller Art (Serendipität!) verfügbar zu halten, verzichtete Daniel Perrin auf die Sicherheit eines festen Einkommens, wie es die Musiklehrerstellen mit sich bringen. Lieber wollte er einem ungeahnten Ruf folgen können, der ihm neue Dimensionen eröffnete, wie damals, als ihn ein Kamerad ansprach: „Ich gehe nach Montreal. Kommst du mit?“ Daniel antwortete: „Gib mir zehn Minuten Bedenkzeit.“ Dann sagte er zu; musste aber noch, da minderjährig, den Vater um Erlaubnis bitten. Der antwortete: „Gib mir zehn Minuten Bedenkzeit.“ Dann sagte er: „Wenn du das brauchst, so geh.“

 

Drüben begegnete Daniel im Jazzclub allen berühmten Künstlern. Sie formten seine Massstäbe und brachten ihn zum Entschluss: „Ich will Musiker wenden!“ Um das Handwerk zu lernen, kehrte er in die Schweiz zurück: Vier Jahre Klavier in Genf, vier Jahre Swiss Jazz School in Bern. Danach konnte Daniel Perrin von dem leben, was er am liebsten tat: Musizieren. „Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme.“ (Schiller: Wallenstein)

 

Derweil kam auch Nicolas Perrin herum: Zum Studieren nach Lausanne und zur Dissertation ans University College London. Danach wurde er Postdoctoral research fellow an den Universitäten von Sheffield, Reading (UK), Florida und Bern, und ab 2001 vollamtlicher Professor für Biologie in Lausanne. Im Lauf dieser Karriere entstanden gut 140 wissenschaftliche Veröffent­lichungen.

 

Jetzt sitzen die Brüder Daniel und Nicolas Perrin für die Aufnahme der „Plans Fixes“ am Küchentisch des elterlichen Hauses, das heute Nicolas bewohnt. Sie sind 63 und 64. Mit seiner subtilen Gesprächsführung, die Patrick Ferla schon bei der Literaturprofessorin > Doris Jakubec und dem Präsidenten der Waadtländer Winzerbruderschaft > François Margot unter Beweis gestellt hat, bringt er die beiden ältesten der sechsköpfigen Geschwisterschar zum Reden.

 

Der Vater war Arzt. Er wirkte in der 3000-Seelen-Gemeinde Grandson am oberen Neuenburgersee. Die Praxis befand sich im Haus. Die Mutter stand dem Haushalt vor, zu dem auch zwei Au-Pair-Mädchen aus der Deutsch­schweiz gehörten. Schon taucht während der Aufnahme die Intimität der Kindheit wieder auf. „Erinnerst du dich?“, fragt Nicolas. Daniel nickt. Die beiden verwenden die Sprache des Einverständnisses. Da kann man sich alles sagen. Zum Beispiel, wie es war, wenn der Schlossbesitzer zu Weihnachten alle Kinder des Dorfs einlud und beschenkte. Wie es war, wenn der Vater die beiden ältesten Buben zu den Hausbesuchen mitnahm; einmal zu einem Bauern, den der Stier getötet hatte: „Man versuchte, uns den Anblick zu verwehren“, erzählt Daniel, und der Körper spricht mit.

 

„Als Ältester habe ich die Grenzen ausgelotet“, erzählt Daniel weiter. „Damit habe ich die Eltern überfordert. Von vierzehn bis achtzehn Jahren haben sie mich deshalb weggegeben.“ „Und wie haben Sie darauf reagiert?“, fragt Patrick Ferla zu Nicolas gewandt. „Erleichtert.“ Daniel sinniert: „Darum bin ich wohl auch nach Montreal gegangen. Ich sagte mir: Ihr habt mich weggeschickt. Nun gehe ich von mir aus weg.“

 

In diesem Gesprächsklima, bei dem man sich, abgeklärt, alles sagen kann, erkundigt sich Patrick Ferla am Ende des Films bei Daniel: „Warum tragen Sie eigentlich die ganze Zeit einen Hut?“ „Ich halte den Kopf gern bedeckt. Schon nur, damit ich den Hut lüften kann wie der Vater, wenn er jemanden grüsste.“ „Und weil du kahl bist“, wirft der weisslockige Nicolas ein. Daniel entblösst das Haupt und zeigt seine Glatze.

 

Nicolas wird seinen Garten in Grandson bestellen. Und beim Besuch von Daniel wird er dessen Lieblingsspeisen kochen. Und wenn Gott den beiden ein langes Leben schenkt, wird ihnen zustossen, was der gelehrte Erasmus notiert hat:

 

Im Zusammenhang damit, dass im Alter die körperlichen Fähigkeiten zurückgingen, die Weisheit aber zunehme, erwähnt der heilige Hieronymus in einem Brief den Philosophen Theophrast, der – als er mit über 107 Jahren starb – gesagt haben soll, er bedaure es, dass er gerade in dem Alter sterben müsse, wo er Vernunft angenommen habe.

 

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