Alain Barraud: Im Dienst der Berglandwirtschaft, der kantonalen Politik, des Tourismus und der Kultur.

23. März 1924 – 1. Februar 2012.

 

Aufgenommen am 6. Februar 1996 in Les Diablerets.

Alain Barraud – Association Plans Fixes

 

> Bei jedem Wort, das Alain Barraud über die Lippen kommt, während im mannshohen Kamin hinter seinem Rücken die Flamme knistert, zeigt sich: Der Mann hat nicht studiert! Ja, nicht einmal einen Beruf erlernt! Aber es zeigt sich auch: Mit dieser Laufbahn ist er eigenständig geblieben. Seine Sprache ist uneitel, konkret, fassbar, gerade, floskel- und schnörkellos. In ihr drückt sich ein starker Realitätssinn aus. Er brachte Alain Barraud nach oben. <

 

Alain Barraud hält während der Aufnahme gemütlich die Hände auf den Bauch gefaltet. Aus seiner Mitte heraus erzählt er, wie sich eins nach dem andern ergab. In der Fasslichkeit seiner Sprache verrät sich ein überlegener, und das bedeutet: eigenständiger Geist. Er versteht, wie die Sachen sind und was sich aus ihnen machen lässt. Damit ist Alain Barraud gleichzeitig pragmatisch und schöpferisch. Ein wertvoller Mann.

 

Das hat schon der Syndic (Stadtpräsident) von Lausanne gemerkt. Jean Peitrequin versah das Amt von 1950 bis 1957. Davor und danach betätigte sich der diplomierte Bauingenieur als Schriftsteller. Er schrieb humoristische Nummern, unter anderem für das Radio, und gründete die Loterie Romande. Jetzt suchte er einen Präsidenten für das Glücksspielunternehmen.

 

Auf die Ausschreibung hin meldeten sich siebzig Bewerber. Dabei stand der Kandidat eigentlich schon fest: Ein tüchtiger Sekretär der Stadt Lausanne sollte es werden. Das sagte Jean Peitrequin zu Alain Barraud, dem Fremdenverkehrsleiter von Les Diablerets, der sich telefonisch nach dem Posten erkundigte: „Sparen Sie sich die Mühe einer Bewerbung!“ „Können wir uns trotzdem für eine Stunde sehen? Ich möchte Sie gerne kennenlernen.“ „Warum nicht? Geht es Ihnen um elf Uhr an der Place Saint-François?“

 

Bei einer Flasche Beaujolais – „wir mochten ihn beide“, erzählt Alain Barraud – tauschten sich die Männer über ihre Arbeit  aus. Der Stadtpräsident berichtete von seiner schriftstellerischen Tätigkeit und dem Roman, den er gerade unter den Händen hatte; der Fremdenverkehrs­leiter schilderte sein Projekt, im Val d‘Ormont eine „zone témoin“ zu schaffen, die Tourismus und Berglandwirtschaft zusammen­bringen sollte, um die Abwanderung zu bremsen und den Wohlstand zu heben.

 

Der Syndic schlug vor, eine weitere Flasche zu bestellen und fürs Mittagessen beisammenzubleiben. Das machten sie und traten nach der Mahlzeit miteinander auf die Strasse. Dort streckte Jean Peitrequin die Hand aus: „Ich verabschiede mich vom künftigen Präsidenten der Loterie Romande.“

 

Dabei hatte Alain Barraud, wie gesagt, nicht studiert, ja, nicht einmal einen Beruf erlernt. Denn mit 14 Jahren hatte er den Vater verloren. Das Unglück hatte zur Folge, dass er sich nach Abschluss der Schulzeit mit Gelegenheitsarbeiten durchbringen musste. Er begann als Handlanger auf dem Bauplatz der Grande-Dixence-Staumauer. Danach kam er nach Lausanne und betätigte sich als freier Journalist für die „Gazette“, verschiedene Lokalblätter und den „Le Soir“ aus Brüssel.

 

Alain Barrauds Kern war solide. Die Familie hatte gute Köpfe hervorgebracht, solange die Erinnerung zurückreichte. Der Ur-Urgrossvater, ein Landwirt, war im Besitz eines Steinbruchs gewesen. Die Einnahmen hatten es einem Sohn (dem Urgrossvater) ermöglicht, den Beruf des Geometers zu erlernen. In dieser Eigenschaft hatte er das Gebiet von Les Diablerets vermessen, in dem sich später der Grossvater (ein Ingenieur) jenes Haus anschaffte, in das der 35-jährige Enkel Alain Barraud zog, um es bis zu seinem Tod im 88. Lebensjahr zu bewohnen.

 

Tüchtig war auch der Vater gewesen: Er hatte ein Dutzend Jahre als Schiffsarzt gewirkt, unter anderem auf dem letzten Dreimaster der Handelsmarine, bevor er sich zur Familien­gründung an Land niederliess. Alain absolvierte, obschon reformiert, die Klosterschule von Saint-Maurice und lernte dort, selbstver­ständlich, Griechisch und Latein. Damit er „Die Vögel“ des Aristophanes richtig aufnehmen könne, empfahl ihm der Griechischlehrer, am Ufer der Rhone die Stimme der Nachtigall zu erlauschen.

 

In Les Diablerets brachte Alain Barraud die Bauern dazu, sich genossenschaftlich zu organisieren, um die Rendite ihrer Anwesen zu erhöhen. Er überzeugte einen Investor, das Grand Hôtel zu errichten. Er veranlasste den Bau der Strasse über den Col de la Croix und den Bau der Seilbahnen auf den Diablerets-Gletscher. „Schutz der Landschaft einerseits und wirtschaftliche Entwicklung anderseits ist eine Gratwanderung“, gesteht er freimütig. „Aber das Problem beginnt schon mit der Ansiedlung des Menschen.“

 

Dialektik prägte Alain Barrauds Sicht aufs Leben und schuf die Weite seines Geists. Er orientierte er sich an der Maxime: „Das Überkommene erhalten, wo es Wert hat, und das Neue annehmen, wo es sinnvoll ist.“ Mit diesem Programm trat er in die Politik ein, als einziger unabhängiger, d.h. parteiloser Grossrat im 200-köpfigen Waadtländer Kantonsparlament.

 

In der Loterie Romande entstand während seiner Präsidentschaft das erste Rubbellos und das bis heute unübertroffene Erfolgsmodell Tribolo. Alain Barrauld begann, die Gewinne umzulenken: Nicht mehr an die Bedürftigen (diese Aufgabe hatte der Staat übernommen), sondern an die Kultur: 35 Millionen im Jahr 1995. „Gleich viel wie wir“, konstatierte der damalige Migros-Präsident Pierre Arnold. „Du täuschst dich“, erwiderte Alain Barrauld. „Deine Summe verteilt sich auf die ganze Schweiz. Unsere beschränkt sich auf die sechs Westschweizer Kantone.“

 

Alain Barraud brachte die verschiedenen Glücksspielgesellschaften dazu, eine europäische Vereinigung zu gründen, damit sie national bzw. regional verankert bleiben konnten und nicht einem EU-Giganten zum Opfer fielen. Typisch waadtländisch. Denn den Hintergrund seines Wirkens bildete bei Alain Barraud der unzeitgemässe Glaube an die Autonomie des Individuums: Wenn es Hilfe braucht, sucht es sie zuerst bei sich selbst. Danach erst wendet es sich an die Familie, an die Gemeinde, an den Kanton. „Bottom up“. So wächst das Gemüse; so wachsen die Blumen und Bäume.

 

Alain Barraud kennt sich aus. Er besitzt drei Gärten: Einen in Les Diablerets mit 3000 Quadratmetern. Einen in Epesses mit südlichen Pflanzen. Und einen an der ligurischen Küste, wo seine Tochter mit einem Fischer verheiratet ist. „Ein eigener Schlag. Nicht wie die anderen Italiener. Mein Schwiegersohn macht langsame, überlegte Bewegungen. Wir mögen uns gut.“

 

Zu Alain Barrauds dialektischer Anlage gehört, dass hinter seinem Wirken eine Bibliothek mit 15 000 Bänden steht. Mehrere hundert antiquarische befassen sich mit Botanik und Landbau. „Il faut cultiver notre jardin“, lässt Voltaire seinen Candide sagen. Und im „Homme à quarante écus“ zitiert er „die Philosophie“. Sie erklärt:

 

Ganz Frankreich sollte gute Bücher lesen. Aber trotz des Fortschritts des menschlichen Geistes lesen wir sehr wenig; und von denen, die zuweilen lernen wollen, lesen die meisten sehr schlecht. Meine Nachbarn spielen nach dem Essen ein englisches Spiel, das für mich sehr schwer auszusprechen ist, denn es heisst Wisk. Mehrere gute Bürger, mehrere Grossköpfe, die sich für gute Köpfe halten, sagen mit einem Hauch von Wichtigkeit, dass Bücher nicht gut sind. Aber, meine Herren von den Welsches, wissen Sie, dass Sie nur von Büchern regiert werden? Wissen Sie, dass die Zivilverordnung, das Militärgesetzbuch und das Evangelium Bücher sind, von denen Sie ständig abhängen? Lesen Sie, klären Sie sich auf; nur durch das Lesen stärkt man seine Seele; das Gespräch zerstreut sie, und das Spiel macht sie eng.

 

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