Lydia von Auw: Pfarrerin.

6. August 1897 – 14. Mai 1994.

 

Aufgenommen am 21. April 1988 in Morges.

Lydia von Auw – Association Plans Fixes

 

> Der Herr hat sie gesegnet mit vielen Tagen. Sie ist alt geworden, uralt. Ihre eingeschrumpften Hände gleichen Vogelklauen. Am Körper sind die Muskeln geschwunden. Die erste Pfarrerin der Waadt ist nur noch ein leichtes Bündel. Doch heute, mit neunzigeinhalb Jahren, kann Lydia von Auw dem Filmteam der „Plans Fixes“ – und damit der Nachwelt – anvertrauen, was ihr Leben ausgefüllt hat. Die Geschichte reicht sehr weit zurück: achthundert Jahre. <

 

Der 77-jährige emeritierte Professor für Neues Testament der Universität Lausanne Pierre Bonnard, Dr. h. c. der Universitäten Bern und Freiburg i. Ü., befragt die 90-jährige Lydia von Auw für die „Plans Fixes“ zu ihrem Leben und Wirken. Er macht das zart und voll Verehrung. Er spricht sie mit „Mademoiselle“ an, und in seiner Stimme schwingt die Verbeugung mit: „Permettez-moi de vous demander ...“ (Erlauben Sie mir, Sie zu fragen …)

 

Sie beginnt zu erzählen, mit einer alten, zerbrechlichen Stimme, die manchmal in den Diskant kippt („sehr hohe, schrille Stimmlage der Sprechstimme“, Duden). Die Hände, die anfangs schlaff über die Armlehne hingen und die Handgelenksknochen befremdlich hervorstechen liessen, steigen sacht nach oben, und die aufgespreizten Finger bewegen sich wie dürre Zweige bei schwacher Brise (3 Beaufort).

 

Hinter dem zarten, alten Fräulein liegt ein langes Leben. Morges Tourismus weist unter den Sehenswürdigkeiten der Stadt auf die Nummer 84 der Grand-Rue hin: „Geburtshaus von Lydia von Auw: In diesem Haus wurde Lydia von Auw 1897 geboren. Sie war die erste Pfarrerin im Kanton Waadt, eine Pionierin, die eine Doppelkarriere als Pastorin und anerkannte Historikerin führte. Die Einwohner und Geschäftsleute in der Grand-Rue erinnern sich noch heute an die grosse Persönlichkeit, die fast 100 Jahre in Morges lebte.“

 

Lydia, Tochter des Drogisten Jean von Auw und der Henriette, geborene Hagenbucher, brachte es 1912 ins Gymnasium und 1917 zum Studieren an die Universität Lausanne. Sie wurde zur ersten Frau an der theologischen Fakultät der reformierten Freikirche des Kantons Waadt, und die Professoren befürchteten, dass durch den Präzedenzfall die Schleuse der Weiberflut hochgezogen werde.

 

Doch Lydia von Auw blieb ohne Nachfolgerin. Eine Kollegin kam zwar an der Universität Neuenburg durch alle Examen, fand danach aber keine Stelle. Da war die Waadtländer Freikirche aufgeschlossener. Lydia von Auw wurde nach einer Reihe von Stellvertretungen 1935 als erste Frau im Kanton Waadt für das volle Gemeindepfarramt der reformierten Freikirche ordiniert. Da hatte sie schon seit zehn Jahren ihr zweites Standbein gefunden: die Kirchengeschichte. Und zwar dort, wo sie kocht und brodelt.

 

Während des Studiums in Lausanne (1917-21) hatte Lydia von Auw erlebt, dass eine zunehmende Zahl von Protestanten zum Katholizismus übertrat, weil dort Bewegung aufgekommen war. Die Anhänger des Modernismus hatten es unternommen, die katholische Lehre mit dem 20. Jahrhundert zu versöhnen. Auf der Basis der philosophischen Aufklärung und des theologischen Liberalismus sahen sie die Dogmen als geschichtlich gewordene und damit wandelbare Beschreibungen der christlichen Glaubensinhalte. Bibelkritik und historisch-kritische Denkansätze, in der reformierten Theologie seit hundert Jahren etabliert, sollten in der katholischen Kirche nun ebenfalls aufgenommen werden können.

 

Lydia von Auw machte den Modernismus zum Thema ihrer Lizenziatsarbeit. Dafür wechselte sie an die römische Universität La Sapienza. Dort kam sie in Berührung mit Ernesto Buonaiuti, einem führenden Vertreter des italienischen Modernismus. Zwischen dem 39-jährigen Professor für Geschichte des Christentums und der 25-jährigen Studentin entstand eine tiefe Freundschaft.

 

Ernesto Buonaiuti hatte schon eine bewegte Laufbahn hinter sich. Während des Priesterstudiums hatte er das Zimmer mit Angelo Roncalli geteilt. Die Nähe der beiden brachte wohl den späteren Papst Johannes XXIII. auf sein Programm des „Aggiornamento“ und das zweite vatikanische Konzil.

 

Ernesto Buonaiuti war so brillant, dass er mit 23 Jahren Professor der Kirchengeschichte am römischen Priesterseminar wurde. Das war 1904. Dann wirkte er zwischen 1915 und 1932 als Professor an der Universität Rom. Zwischenzeitlich hatte ihn die katholische Kirche zweimal exkommuniziert: 1921 vorübergehend und 1924 endgültig. Auch kamen alle seine Schriften zweimal auf dem Index: 1924 und 1944. Der Vatikan warf ihm Historismus und Evolutionismus vor.

 

Bereits 1907 hatte Papst Pius X. den Modernismus in seiner Enzyklika „Pascendi domini gregis“ als „Sammelbecken aller Häresien“ verurteilt. Und 1910 hatte er für alle Geistlichen in Seelsorge und Lehre den Antimodernisteneid vorgeschrieben, der bis 1967 in Kraft blieb.

 

Ernesto Buonaiuti verlor 1932 seine Professur wegen Gegnerschaft zum Faschismus. 1935 bis 1939 lehrte er als Gastprofessor in der Waadt. Während dieser Zeit (1937) erhielt Mussolini von der Universität den Ehrendoktor – eine Auszeichnung, welche die Lausanner Hochschule bis heute nicht widerrufen hat.

 

Durch Ernesto Buonaiuti kam Lydia von Auw auf ihr Dissertationsthema: Angelus Clarenus (um 1255-1337) und die Franziskaner-Spiritualen. Es ging bei dieser Bewegung um die Kirche von unten, das Ideal von Armut und Bedürfnislosigkeit und die Botschaft des Evangeliums als befreiende Kraft und nicht als Dogmengebäude. Natürlich zogen die armen Brüder damit Fluch, Verfolgung und Exkommunikation der institutionalisierten Kirche auf sich. Dazu Lydia von Auw: „Die Geschichte ist noch nicht vorbei.“

 

Die Doktorarbeit verfasste Lydia von Auw von 1935 bis1948, während sie als Spitalseelsorgerin in Saint-Loup wirkte. Nach der Promotion arbeitete sie von 1949 bis 1960 als Pfarrerin in L’Auberson und von 1960 bis 1966, das heisst bis zum 70. Altersjahr, in Chavannes-le-Chêne. Mit 82 erlebte sie, dass eine vollständige Fassung ihrer Dissertation in Rom veröffentlicht wurde. Dadurch stiessen ihre Forschungen am Abend des Lebens noch auf internationale Beachtung.

 

Nun aber läuft die Aufnahmezeit für die „Plans Fixes“ aus. Professor Pierre Bonnard hat das Gespräch umsichtig durch die Etappen eines frommen Lebens geführt. Es brachte Lydia von Auws Seelengüte, Bescheidenheit und hohe Intellektualität zum Vorschein. Mit neunzigeinhalb Jahren ist sie im Kopf immer noch vollkommen klar. („Elle a gardé toute sa tête“, sagen dazu die Welschen.)

 

„Mademoiselle“, resümiert Pierre Bonnard. „Es bleibt mir zu danken für dieses Gespräch.“ „Ich danke Ihnen“, erwidert Lydia von Auw, „dass Sie mir Gelegenheit gegeben haben, mir vieles aus einem langen Leben in Erinnerung zu rufen.“ Doch wie bei einer Sinfonie, die mit drei Akkorden schliesst, nimmt Pierre Bonnard den Dank noch einmal auf: „Ich danke Ihnen auch im Namen der reformierten Kirche des Kantons Waadt und der Universität.“ Nun leuchtet in Lydia von Auw einen Moment lang innige Freude auf, und durch ihren Körper läuft ein Windstoss von 8 Beaufort: „Grosse Bäume werden bewegt.“

 

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