Jacqueline Thibault: Wächterin der Morgenröte.

1. Mai 1938 –

 

Aufgenommen am 30. Mai 2002 in Le Mont-sur-Lausanne.

Jacqueline Thibault – Association Plans Fixes

 

> „Die Welt ist und bleibt doch Welt, das ist des Teufels Braut“, sagte um 1540 Martin Luther zu seinen Tischgenossen. Wer heute die Nachrichten verfolgt, kann ihm nur recht geben. Doch fanden sich zu allen Zeiten ebenfalls Heilige, das heisst Leute, die das Krumme gerade machen. Von ihnen spricht der BBC World Service in seiner wöchentlichen Sendung: „People Fixing the World“. Und zu denen, die die Welt ins Lot rücken, gehört auch Jacqueline Thibault. Das zeigt die Begegnung mit ihr eindrücklich. <

 

Ohne dass sie angeben kann, woher, fühlte sich Jacqueline Thibault schon als junger Mensch aufgerufen, für die Sünden der Väter Genugtuung zu leisten. Die Sünden der Väter – das war der Holocaust, der nur wenige Jahre zurücklag. Und die Sühne bestand darin, sich für das Volk Israel in den Dienst zu stellen. So besuchte das Pariser Mädchen mit 15 zum ersten Mal einen Kibbuz. Die Eltern, laizistisch, nicht-jüdisch, glaubten an Abenteuerferien. Doch das Mädchen, auf der Suche nach dem Absoluten, das es Gott nannte, erfuhr beim Aufenthalt die Bestätigung seiner Berufung.

 

Die Eltern wünschten für die Tochter eine Anstellung im öffentlichen Dienst. Dort gab es ihrer Meinung nach die seriösen, sicheren Stellen. Um Jaqueline am Ausbrechen zu hindern, schlossen sie ihren Pass vorsichtshalber in einem Schrank ein und sperrten nachts die Haustür zu. „Ich hab’s dann gemacht wie alle anderen jungen Leute“, erklärt sie lachend bei der Aufnahme für die „Plans Fixes“. „Ich bin aus dem Fenster gestiegen und habe mich an einem Bettlaken abgeseilt. Es war ja nur aus dem ersten Stock.“

 

Sie schlug sich durch bis auf einen Dampfer, der jüdische Familien zum neu gegründeten Staat Israel transportierte, und verbrachte die Überfahrt im Schiffsbauch. Nie gesehene Armut umgab sie; aber auch eine nie erfahrene Intensität des Glaubens. Unablässig sangen und beteten die Mitreisenden: „Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang sei gelobet der Name des Herrn.“ (Psalm 113, 3)

 

Im Kibbuz musste sich Jaqueline zuerst einmal durch Tatkraft bewähren, bevor sie von der Vollversammlung als Mitglied aufgenommen wurde. Denn als Christin wurde sie besonders scharf beäugt: „Warum willst du zu uns stossen?“ „Ich möchte wiedergutmachen helfen, was man euch angetan hat.“

 

Nun lernte sie das Land urbar machen. Die Bewässerung kam in Gang, und mit ihr die Verwandlung der Wüste in einen Garten. Jacqueline Thibault pflückte Grapefruits („eine sehr harte Arbeit“) und fuhr mit dem Traktor aufs Feld. Dafür musste sie morgens um fünf Uhr aufstehen. Sie tat das sogar noch eine Viertelstunde früher, denn als gebürtige Pariserin verzichtete sie nicht darauf, sich schön zu machen und die Augenbrauen nachzuziehen.

 

Im Nahen Osten leisteten damals die Siedler dasselbe wie bei uns die Heiligen, die den Jura bewohnbar gemacht haben – zum Beispiel Sankt Imier (gestorben um 620), von dessen Wirken die Stadt St. Immer und das St. Immertal zeugen.

 

1979 hat > Pierre-Olivier Walzer ein Gebet an ihn verfasst:

 

Du, der du in Jerusalem gewesen bist, lass uns Jerusalem sehen, aber lass uns in unserem Lande sterben.

Beschütze unsere grossen Bäume, die jeden Tag in der Interesselosigkeit des Windes für uns beten,

lass unseren Kabis und unsere Stachelbeeren gedeihen,

schenk uns Blumen, die dir gefallen, und Gemüse, das schön biologisch ist.

Lehr uns erkennen die Natur des Bodens und das Wesen der Pflanzen mit ihren Früchten und Samen, auf dass wir zugleich unseren gegenwärtigen Lebensunterhalt und unsere künftige Hoffnung finden,

und dass wir immer genug haben, um die Menschen des Nordens und des Südens an unseren Tisch unter freiem Himmel einzuladen: dass uns das Brot und das Salz mit gleichem Herzen empfange.

 

Das Gebet beschreibt das Ziel. Die Wirklichkeit aber sieht anders aus, heute wie gestern, bei uns und anderswo.

 

Nochmals Pierre-Olivier Walzer:

 

Im Jahr 1530 beschlossen die Bieler, die schon immer ein übermässiges Interesse an unseren südlichen Tälern gezeigt hatten, die Reformation mit Gewalt durchzusetzen. Sie entsandten eine kleine Truppe, die an Oculi, dem dritten Fastensonntag, das Tal hinaufzog und alles plünderte, was ihr in den Weg kam. In Sankt Immer warfen die Bilderstürmer, nachdem sie in die Stiftskirche eingedrungen waren, die Altäre um, plünderten alles Wertvolle, zerbrachen die Statuen und Bilder Jesu, der Jungfrau und der Heiligen und respektierten nicht einmal die Reliquien des Beschützers der Stadt, den sie auf grausame Weise aus seinem Sarkophag im südlichen Querschiff der Stiftskirche entfernten und mit dem Rest ins Feuer warfen. So wurden an diesem Datum des 20. März 1530 die Ansprüche Biels auf diesen Landesteil begründet.

 

Am Leben der jurassischen Heiligen, das Pierre-Olivier Walzer nacherzählt, zeigt sich eine Wahrheit, die Panaït Istrati in den Worten wiedergab: „Meine Mutter, die Menschen aller Farben gesehen hatte, pflegte zu sagen: Die Völker beten auf viele Weisen zu Gott, doch sie verhöhnen ihn alle auf die gleiche Art.“

 

Jacqueline Thibault erfuhr diese Tatsache ihrerseits so erschütternd, dass sie das Leben im Kibbuz nach 23 Jahren aufgab und sich in den Dienst von Terre des Hommes und > Edmond Kaiser stellte. Immer noch ging es ihr um Wiedergutmachung; doch von nun an um die Milderung des Leids, das den Frauen angetan wird.

 

In den „Plans Fixes“ erzählt sie von einem 17-jährigen palästinensischen Mädchen, das von der Familie angezündet wurde. Ehrenmord. Es gelingt der Menschenrechtlerin, das zum Tod verurteilte Wesen nach Genf auszufliegen. Am Flughafen erwartet es Edmond Kaiser. Er begleitet es ins Universitäts­spital und stellt ihm seine Haut für die Transplantation zur Verfügung. Zum Zeitpunkt der Filmaufnahme hat die junge Frau 21 Opera­tionen hinter sich. Die Narben sind immer noch sichtbar. Aber sie hat geheiratet und zwei Kindern das Leben geschenkt.

 

„Du musst eine Stiftung gründen“, erklärte damals Edmond Kaiser. „Sie soll Surgir (auf[er]stehen) heissen.“ Jacqueline Thibault sagte sich: „Wenn er mir das vorschlägt, glaubt er, ich könne es.“ Und Kaisers Zutrauen gab ihr Adler­flügel.

 

Heute, zwanzig Jahre nach ihrer Gründung, schreibt die „Fondation Surgir“ auf ihrer Homepage:

 

Wir setzen uns für die Achtung der Menschenrechte ein, unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Alter, Glauben oder sexueller Orientierung. Wir unterstützen lokale feministische Organisationen, die sich für die Achtung der Rechte der Frauen in Palästina, Israel und Jordanien einsetzen. Surgir ist eine unpolitische, überkonfessionelle und kämpferische Schweizer Stiftung, die sich seit mehr als zwanzig Jahren gegen alle Formen geschlechtsspezifischer Gewalt engagiert.

 

Im Süden wie im Norden verteidigen wir Werte wie Solidarität, soziale Gerechtigkeit, Vielfalt, Gleichheit und Engagement.

 

2020 nahmen 1’200 Kinder in Palästina an Workshops zur Gewaltprävention teil.

 

90’000 Menschen riefen in Palästina und Jerusalem die von unseren Partnern betriebenen Helplines an.

 

Fürwahr: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“ (Matthäus 7, 16)

 

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