Jaques Vernet: Ein Staatsmann im Dienste seiner Republik.

 

17. März 1926 – 13. Mai 2019.

 

Aufgenommen am 15. September 2005 in Genf.

Jaques Vernet – Association Films Plans-Fixes (plansfixes.ch)

 

> Um einen Staatsmann handle es sich, sagt der Titel des Films. Im Dienst seiner Republik sei er gestanden. Übersetzt heisst das: Jaques Vernet ist eine imponierende Figur. Ausserhalb Genfs jedoch kennt man ihn nicht. Gleichwohl kann man an ihm erfahren, was Sokrates meinte, als er sagte: „Wenn nicht die Philosophen Könige werden und die Könige Philosophen, gibt es für die Staaten keine Erholung von dem Übel.“ <

 

Die Interviewerin, früher Journalistin und später (wie sie nicht zu sagen vergisst) selber Genfer Staatsrätin, fragt bei der Zusammenfassung in scherzhaftem Ton, ob er nicht zu einer untergehenden Spezies gehöre. Jaques Vernet erwidert: „Es gibt keine Spezies, die nicht ausstirbt.“ Und er fährt fort: „Das beunruhigt mich nicht. Es sagt nur, dass im Moment Leute meines Schlags nicht gefragt sind. Aber wenn es sie braucht, wird man sie wieder entdecken. Das gehört zum Lauf der Geschichte. Auch die Rhone ist, bis sie gestaut wurde, unterhalb von Genf verschwunden und erst später wieder aufgetaucht.“

 

Jaques Vernet zeigt: Staatsmann sein bedeutet, die Ruhe nicht verlieren. Die grossen Linien sehen. Beim Reden Beispiele und Modelle verwenden, die jeder versteht. Glaubwürdig sein. Zusammenhang vorleben zwischen dem, was man sagt, und dem, was man tut. Sich an Werten ausrichten. Diese Eigenschaften schaffen das Vertrauen, das es braucht, um Mehrheiten über die Parteigrenzen hinaus zu gewinnen.

 

Mit diesem Vertrauen im Rücken wurde Jaques Vernet in der Stadt Genf zweimal in den Stadtrat (Legislative) gewählt, und im Kanton dreimal in die Legislative und viermal in die Exekutive (Staatsrat). „Im Dienst seiner Republik“ verbrachte er zwischen 1955 und 1989 zusammengenommen 34 Jahre.

  

Es ist wohl typisch für das Wesen von Jaques Vernet und das Wesen der Republik, dass es mit dem Staatsmann nicht weiter hinaufging – will sagen: auf die Bundesebene. Jaques Vernet aber behielt dadurch, dass er aufs Karriereschmieden und Drängeln verzichtete, Gelassenheit und Souveränität.

 

Das zeigt schon der Anfang: Nicht er entdeckte die Politik, sondern die Politik entdeckte ihn. Auf der Strasse wurde der 29-jährige von einem Mitglied des Freisinns (parti libéral-radical PLR) angesprochen: „Du gehörst in die Politik. Du bist ein ‚animal politique‘!“

 

Der Volksvertreter mit dem Flair für begabten Nachwuchs leitete den jungen Juristen, der erst vier Jahre zuvor das Anwaltspatent gemacht hatte, in die Sektion Eaux Vives: „Dort haben wir nur vier Sitze. Da fällst du besser auf.“ Jaques Vernet wurde gleich Sekretär („weil’s niemand anderes machen wollte“), dann wurde er auf den Wahlzettel gebracht, dann wurde er gewählt. Wurde, wurde, wurde – nicht nur sprachlich eine Passivkonstruktion. Jaques Vernet versichert glaubhaft, dass er nie gehandelt habe, um sich voranzu­bringen.

 

So realisiert sich bei ihm das Ideal, das Klaus Bolzano in seinem Buch „Die Neidgesellschaft“ beschrieben hat:

 

Bei Konzernen und Parteien kann es durchaus sein, dass alles Denken von der guten Mentalität getragen ist, dass es um Sachgründe geht, dass es darum geht, für den einzelnen ein gutes Arbeitsklima zu schaffen, dass man sich bemüht, ohne Rivalitäten die entsprechenden guten Leute in ihre einzelnen Funktionen zu bringen. Bei Parteien handelt es sich um eine gute Partei und bei Politikern um gute Politiker, wenn es darum geht, für den Staat das Beste zu gestalten und den Akzent der eigenen Partei mit diesem Gemeinwohl zu verbinden. Das wäre eigentlich die richtige Politik, und das wären die richtigen Politiker.

 

Im Leben aber ist es so, dass die Beziehungen zwischen – sagen wir mal: oben und unten nicht so harmonisch ablaufen. Als er wieder zwei zerstrittene Partner in der Praxis hatte, sagte der Paartherapeut Klaus Heer zum einen: „Sie können machen, was Sie wollen: Sie wird nicht grösser.“ Und zum andern: „Sie können machen, was Sie wollen: Er wird nicht kleiner.“ Damit ist das Verhältnis zwischen Jaques Vernet und seiner Partei charakterisiert.

 

Im Kollegium, verrät Françoise Buffat, die Interviewerin, trug Jaques Vernet den Übernamen „der Moralist“. Ob ihn das nicht gestört habe? Der Staatsmann zuckt die Schultern: „Solange es nicht hiess: der Moralapostel … Werte sind wichtig. Sie stehen miteinander in einer Rangordnung. Man muss sie erkennen und danach handeln.“

 

Die Überlegenheit aber, die Jaques Vernet ausstrahlt, versprerrte ihm den Weg nach Bern. Auf die Frage, warum er es nicht in die nationale Politik geschafft habe, antwortet er: „Da müssen Sie die fragen, die es unterlassen haben, mich vorzuschlagen.“

 

Die Antwort ist zu finden in Band 3 („Lehrer bis Satte [der]“) des fünfbändigen „Deutschen Sprichwörter-Lexikons“ von Karl Wilhelm Wander, erschienen 1867 in Leipzig:

 

Der Neid folgt dem Glück.

 

Der Neid guckt schon aus kleiner Kinder Augen.

 

Der Neid ist ein starker Wind, der nur die hohen Bäume umwirft, bei Stauden und Hecken streicht er vorüber.

 

Zum Trost aller Beniedenen hält das Lexikon aber fest:

 

Neider sind besser als Mitleider.

 

Und Ulrich Sieber, Pressesprecher der Bundesräte Ogi und Leuenberger:

 

Neid gibt’s nicht umsonst. Den muss man sich erarbeiten.

 

Ja, bestätigte Schifführer Walter Kocher, bei dessen Beförderung zum Kapitän bei der Bielersee-Schiffahrts-Gesellschaft einzelne sauer lächelten:

 

Der Neid war schon im Paradies dabei. Das war, als Eva nach dem verbotenen Baum gelüstete. Später brachte Kain seinen Bruder Abel aus Neid um. Darum können wir sagen:

 

Der Neid ist der älteste Einwohner auf Erden.

 

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