Hans Ulrich Jost: Historiker. Die entmythologisierte Schweiz.

29. Juli 1940 –

 

Aufgenommen am 2. Oktober 2020 in Lausanne.

Hans-Ulrich Jost – Association Films Plans-Fixes (plansfixes.ch)

 

> Hansueli Jost, Jahrgang 1940, Sohn eines Seeländer Dorfschullehrers, schreibt seinen Vornamen, je nach Publikation, mal mit, mal ohne Binde­strich. Bei „Das Konzept der Öffentlichkeit in der Geschichte des 19. Jahr­hunderts“ (1996) zeichnet er mit Hans-Ulrich Jost; bei „Politik und Wirtschaft im Krieg“ (1998) mit Hans Ulrich. So auch bei Wikipedia. Auf Französisch: Hans-Ulrich. Auf Deutsch: Hans Ulrich. Der schwankende Bindestrich-Gebrauch verrät: Hansueli Jost ist ein Mann mit verschiedenen Facetten: einerseits kritisch aufgeweckter Geschichtsprofessor; anderseits Kampfjet­pilot und Offizier der Schweizer Armee. <

 

Ich bin Hansueli Jost nur einmal begegnet; vor einem halben Jahrhundert. Er war eingeladen worden, eine Sitzung in Münchenwiler zu leiten. Und da stach der Dreissigjährige schon heraus. Das „Gemeinschaftsseminar im Schloss Münchenwiler", noch von Werner Kohlschmidt angeregt, fand immer in der Woche nach Pfingsten statt. Im denkmalgeschützten „Täfersaal“ versam­melten sich vom Donnerstagmorgen bis zum Sonntagabend acht Professoren mit acht bis zwölf Studenten, um ein fächerübergreifendes Thema zu bearbeiten.

 

Voraussetzung für die Teilnahme der Professoren war Interesse am kontradiktorischen Austausch mit Kollegen und jungen Menschen. Von den Studenten wurde „Seminarreife in einem der beteiligten Fächer“ verlangt. Das genügte, um am denkmalgeschützten Tisch Platz zu nehmen, die Pfeife in Brand und den Geist in Gang zu setzen.

 

Auf ungezwungene Weise lernte der akademische Nachwuchs bei dieser Gelegenheit die „universitas litterarum“ mit der Vielzahl ihrer Fächer und Fragestellungen in kleinem, geschütztem Kreis kennen. Und nach den Seminarsitzungen blieb Zeit, im nahegelegenen „Bären“ ein Glas Chasselas zu verkosten, bevor es zur Mahlzeit ging.

 

Im Speisesaal gab das Servierpersonal die Sitzordnung vor. Es mischte die Serviettenetuis von Mahl zu Mahl neu, und dort, wo man sie fand, musste man Platz nehmen. So kam man als Anfänger mit den Koryphäen auf Tuchfühlung. Auch mit Oberassistent-Lektor Hansueli Jost, dem weitaus jüngsten unter den Gelehrten. Aber die älteren behandelten ihn mit ausgesuchtem Respekt. Daraus schlossen wir Studenten: Der ist jemand! Auf den muss man ein Auge haben.

 

Während der Seminarsitzungen ging es im Täfersaal gleichzeitig idyllisch und lehrreich zu. Am Vormittag schien die Sonne durchs offene Fenster von der Seite, am Nachmittag von hinten auf den ausgezogenen Tisch. Draussen plätscherte ein Brunnen unter zwei Bäumen. Manchmal hörte man Schritte auf dem Kies.

 

Für seine Voten stand Stefan Kunze, der Musikwissen­schafter, stets auf und hielt während des Sprechens den Zigarillo mit abgewinkeltem Arm in der Luft. Er hatte zu jedem Thema etwas Kluges zu sagen und verwirklichte dadurch das Ideal des allseitig gebildeten Humanisten.

 

Thomas Gelzer, der Gräzist, blieb zum Reden sitzen und nahm bloss die Riesenzigarre aus dem Mund. Er nannte sie in seinem scharfen Basler Dialekt „Rossteeter“ („Schussbolzen“, ein Schlachthof-Instrument) und machte sich ein teuflisches Vergnügen daraus, verstiegene Ansichten unter Zitierung klassischer Autoren auf die Erde zurückzuholen.

 

Durch das Rauchen von Dunhill-Pfeifen stellte Walther Killy seinen Exzellenzanspruch unter Beweis, und die Hand mit der Gemme veranschaulichte die Gediegenheit seiner Voten.

 

Pro Seminartag gab es zwei Sitzungen. Eine am Vormittag, eine am Nachmittag, jede begrenzt auf zwei Stunden. Daneben hatte man Zeit zum Spazieren, zum Lesen und zum Weiterdiskutieren, etwa bei einer Flasche Vully im „Bären“.

 

Ein Thema, an das ich mich erinnere, war: „Das Schöne und die Künste“. Das Seminar setzte ein beim „Schönheitsbegriff der Antike in Literatur und Bildhauerei“, und nach drei Tagen endete es bei der „De-Ästhetisierung der Kunst im 20. Jahrhundert“.

 

Ein anderes Thema war „Tristan und Isolde“. Da trafen der Mediävist, der Altsprachler, der Musikwissenschafter (durch die Wagner-Oper) und der Neusprachler (durch Thomas Manns „Tristan“-Novelle) zusammen.

 

Spannend auch 1978, zum 200. Todestag, das Thema „Jean-Jacques Rousseau“, eine – wie man heute sagen würde – „Schnittstelle“ zwischen Pädagogik, Philosophie, Botanik, Musik, Literatur, Politologie, Geschichte, Psychologie, aber „mangels studentischer Anmeldungen“ abgeblasen, gleich wie auch das Seminar zum Kreuzungspunkt von Mathematik, Philosophie, Pädagogik, Sozialwissenschaften, Zeit- und Universitätsgeschichte, Linguistik und Politologie: „Bertrand Russel“. Aber eben: „Der Berner war nie wissenschaftlich.“ Das konstatierte der Berner Philosophieprofessor Samuel Ith schon 1809.

 

Wenn aber Münchenwiler zustandekam, bot es den Teilnehmern ein unvergessliches Fest des Geistes. War man auch als Student viel zu eingeschüchtert, um mitzureden, so genoss man es doch, am Tisch der Götter sitzen zu dürfen und ihre Eigenheiten zu erfassen, die man als Kennzeichen von Persönlichkeit verstand.

 

Einzelne Wendungen blieben haften und strahlten zurück in den Studentenalltag, etwa Killys Begriff der „lyrischen Unschärfe“ oder Judith Garamvölgys Terminus „anachronistisches Missverständnis“, mit dem ausgedrückt wurde, dass wir von unserer Zeit nicht auf frühere schliessen dürfen. Dazu Gelzers bellendes „Jäjäjäjä!“, mit dem er begeisterte Zustimmung kundtat. Sein jugendlicher Enthusiasmus, der alle mitriss, und die ernste Aufmerksamkeit, mit der er geistige Gegenstände behandelte, machten ihn zum Liebling der Tafelrunde.

 

„Herr Gelzer, heiraten Sie mich!“, rief einst die finnische Philosophie­studentin, deren Ziel es war, durch Eheschliessung das Schweizer Bürgerrecht zu erwerben. Aber Gelzer winkte lachend ab: „Liebes Fräulein, Sie kennen doch den Vers: ‚Sie konnten zusammen nicht kommen, denn das Wasser war viel zu breit!‘“, und damit deutete er der Tischgesellschaft auf unverfängliche Weise an, dass er „vom anderen Ufer“ sei.

 

Das hat sich an einem Samstag zugetragen, am Ufer des Murtensees, den man jeweils am letzten Abend des Seminars aufsuchte. Denn die gemein­samen Abendspaziergänge hatten ihre Ordnung: Am Donnerstag „das Umfeld“ des Schlosses und am Freitag das benachbarte Dorf Cressier, wo man sich die Giebel des Anwesens zeigte, in das sich der rechtsintellektuelle Gonzague de Reynold zurückgezogen hatte, nachdem er 1931 unter dem Druck der politischen Linken den Lehrstuhl für französische Literatur an der Universität Bern hatte räumen müssen.

 

An diesen Tagen also, die sich in meiner Erinnerung eingebrannt haben, bin ich Hansueli Jost begegnet, wenige Jahre, bevor er in Lausanne ordentlicher Professor für Neuere Allgemeine und Schweizer Geschichte wurde. Als Habitué (ich war als Studentenvertreter von den Ordinarien in die München­wiler-Kommission geholt worden) fiel mir augenblicklich die Neuartigkeit seines Auftritts auf. Er sprach und benahm sich nicht wie ein Intellektueller, sondern wie ein heller, redefreudiger, aber unambitionierter Kamerad. Sein Wissen war zwar unleugbar; doch wurde es nicht, wie von den meisten anderen, ehr-, ja furchtgebietend dargeboten.

 

Was er zu sagen hatte, stellte er zur Debatte. Das war neu, das war anders. Die Ordinarien und Fachvertreter führten zu einer hohen Erkenntnis, welche sie Schritt für Schritt offenbarten. Hansueli Jost aber liess die Einsicht gewissermassen von selbst hervortreten, und zwar aus einem Gespräch. Er brachte es dadurch in Gang, dass er zu Beginn der Sitzung ein Thesenblatt verteilte.

 

Ich erinnere mich noch an den Eindruck, den dieses Thesenblatt in mir hervorrief: Ich erlebte einen freudigen Erkenntnisschock, weil da fünf klare Punkte die Dimensionen eines komplexen Sachverhalts – sagen wir: hirnfreundlich umrissen.

 

Ich spürte gleich, dass „es“ da drin stecke. Man musste sich „ihm“ nur noch geduldig, aufmerksam und methodisch sauber nähern. Dann konnte man ihm am Ende seinen Namen geben: „Heisst du etwa Rumpelstilzchen?“ Im Film der „Plans Fixes“ erklärt jetzt der Achtzigjährige, woher er sein Vorgehen hatte: aus der Kampfjet-Ausbildung. „Wenn man das Ziel zu starr im Auge behält, verfehlt man es. Man muss sich ihm dadurch nähern, dass man es es umkreist. Dann gelingt der Abschuss.“

 

Auf diese Weise bettete später der Professor an der Universität Lausanne die Schweizer Geschichte stets in den Kontext der allgemeinen Geschichte, und die neuere Geschichte in den Kontext der alten. Er verwirklichte dadurch die Forderung von Ernst Gombrich:

 

Das Studium von Kulturen ist im wesentlichen ein Studium von Zusammenhängen, und was wir unseren Studenten vermitteln wollen, ist mehr dieses Gefühl der ungebrochenen Kontinuität als ein unkritisches Aufnehmen von Lehrstoff. Wir wollen in ihnen eine Denkgewohnheit wecken, die überall nach solchen Zusammenhängen sucht: nicht nur in ihrem unmittelbaren Arbeitsgebiet, sondern in allen kulturellen Manifestationen, die sie umgeben.

 

Der schwankende Bindestrich-Gebrauch bei der Schreibung von Hansueli Josts Namen wird damit zum Ausdruck eines Denkens im Sowohl-als-auch und Je-nachdem: Offizier der Schweizer Armee und kritisch aufgeweckter Professor, Kampfjetpilot und vergleichender Geschichtsforscher, deutschschwei­zerischer Oberassistent-Lektor in Münchenwiler und französischsprechender Ordinarius in Lausanne. – Wer sich diese Weite erworben hat, will nicht mehr in die Enge zurück.

 

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