José Venturelli: Maler.

25. März 1924 – 17. September 1988.

 

Aufgenommen am 25. Februar 1988 in Vernier.

José Venturelli – Association Films Plans-Fixes (plansfixes.ch)

 

> José Venturellis Stärke liegt im bildlichen Ausdruck. Er machte den Exilchilenen berühmt. Eines seiner Gemälde („Tochter des Künstlers in chinesischem Kostüm“) machte die DDR Walter Ulbrichts zum Sujet einer Briefmarke. Das China Mao Tse-tungs machte ihn zum Kunstprofessor. Das Kuba Fidel Catros lud ihn ein, auf der Insel die bildenden Künste weiterzubringen. Die Bilder von José Venturelli sind konkret, realistisch, aussagestark. Doch wenn er spricht … <

 

Das Porträt für die „Plans Fixes“ entsteht in José Venturellis Wohnzimmer in Le Lignon, einer Neubauzone des Genfer Vororts Vernier. Auf dem Tisch stehen, comme il faut, eine Teekanne, zwei Tassen, ein Teller mit Knabbereien. So empfängt man Besuch. So gehört es sich.

 

Die Besucherin Erica Deuber-Pauli setzt für die Aufnahme mit dem Hier und Jetzt ein: „Seit fünfzehn Jahren wohnen Sie in Genf. Warum?“ José Venturelli beginnt zu antworten. Und gleich bildet sich Nebel im Raum. Die Umrisse verschwimmen. Der Maler äussert, dass er die Schweiz schon früher gekannt habe. Er erwähnt einen Bruder. Dann Chile. Seine geographische Situation. Die Eroberung Südamerikas durch die Spanier. Kolonialismus. Sklaverei. Abgeschlossenheit. Randlage.

 

In gleichmässigem Ton hängt José Venturelli die Wörter hintereinander. Kleine Handbewegungen treiben den Sprechmechanismus voran. Doch die Artikulation des Malers ist verwaschen. Formuliert er überhaupt Sätze? Oder vollzieht er lediglich flüchtige Formen auf dem Eisfeld der Assoziationen? Jedenfalls bringt die Rede wenig Fassbares zutage. Die Gedanken schweifen ab.

 

Da hat einer Mao Tse-tung, Fidel Castro, Pablo Neruda und vielen anderen Exponenten der sozialistischen Revolutionen die Hand geschüttelt. Er war Botschafter Chinas für Lateinamerika. Er begegnete den wichtigsten Künstlern und Kunstfunktionären der kommunistischen Hemisphäre. Doch der Sprachnebel, den er während der Aufnahme produziert, ebnet alles ein. Die Konturen verfliessen hinter flüchtigen Grautönen.

 

Am Ende des Films bleiben zwei Aussagen zurück. Die eine besteht aus dem Satz, den Pablo Neruda zu José Venturelli äusserte: „Ich schreibe für Analphabeten.“ Mit diesen Worten bezeichnete der Poet die dialektische Aufgabe, die Kunst zum Volk zu bringen, indem man es hebt.

 

Darin sieht auch der Maler sein Engagement: Damit die bildende Kunst die Menschen erreiche, müsse sie aus den Galerien der Happy Few weg an die Mauern. An Strassen und Plätzen wird die artistische Raffinesse geopfert zugunsten des Eindrucks auf die Massen. So trägt die Kunst bei zur Erkenntnis der Verhältnisse, zur Entwicklung von Solidarität und Mitgefühl – und letztendlich zur Verbesserung der Welt. Bei diesen konsekrierten Auffassungen der engagierten Richtung spricht José Venturelli klar und deutlich. Aber sonst?

 

Vielleicht ist sein Verhalten Ausdruck einer Depression? Er bemüht sich zwar, der Kamera eine Fassade der Höflichkeit und Kolloquialität zu zeigen, doch fühlt er sich innerlich kraftlos, ausgelaugt und leer? Diese Annahme würde erklären, warum das, was er sagt, keinen Klang hat, keine Substanz.

 

Die Chronologie spricht eine deutliche Sprache: Die Aufnahme für die „Plans Fixes“ erfolgt am Donnerstag, den 25. Februar 1988. Drei Monate später, am Sonntag, den 5. Juni stirbt José Venturellis Frau Delia Baraona nach 38 Ehejahren. Der Zustand des Überlebenden, seit seiner Jugend von Tuberkulose bedroht, verschlechtert sich dermassen, dass der 64-jährige zur Behandlung nach Peking fliegt. Dort stirbt er drei Monate später am Samstag, den 17. September.

 

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