Betram Schoch: Philosophischer Emailleur.

22. Februar 1906 – 7. Juli 1987.

 

Aufgenommen am 9. Mai 1979 in Monthey.

Bertram Schoch – Association Films Plans-Fixes (plansfixes.ch)

 

> Bertram Schoch schreibt, malt, predigt und analysiert in höherem Auftrag: Er muss der Welt verkünden, wie es um sie steht. Er muss jene Mächtigen ausser Kraft setzen, die ihre Gewalt nicht zum Wohl der Menschen verwenden. Seinen Kampf führt Bertram Schoch mit den Waffen des Schönen, Wahren und Guten. „Dann sind sie ja ein Prophet“, stellt der Interviewer fest. „Sie sagen es“, bestätigt der Maler und Philosoph. Dafür aber stellten ihm die Bösen nach, meint Bertram Schoch: „Täglich, ja stündlich ist mein Leben bedroht.“ <

 

Für den Film No. 8 besucht Michel Bory, Initiator der „Plans Fixes“, den 73-jährigen Bertram Schoch in seinem Gehäuse. Es dient dem Emailleur und Philosophen gleichzeitig als Schreibwerkstatt, Atelier, Wohnung und Ausstellungsraum. Hier betreibt der Autodidakt die Psychoanalyse des Weltlaufs. Er schreibt ununterbrochen auf, was sich zuträgt, und entdeckt dahinter die geheimen Muster, Strebungen und Kräfte.

 

Wie ein weiser Therapeut sieht er sich beauftragt, das Geschehen unauffällig zum Heil zu führen. Damit wird das Gehäuse in Monthey zur Machtzentrale der Welt. Hier laufen die Fäden zusammen. Und mit der Kraft seiner Gedanken lenkt Bertram Schoch die Gedanken der Mächtigen.

 

Schon hat er den drohenden Atomkrieg aufgehalten: „Herr Chirac kann wohl auf den Knopf drücken [wir sind im Jahr 1979], aber es wird nichts passieren. Die zweite Garde hat in meinem Auftrag die Verbindung zu den Spreng­köpfen lahmgelegt.“ „Dann sind sie ja der König der Welt!“, konstatiert Michel Bory. Bertram Schoch lächelt geschmeichelt: „Sie sagen es.“ Deshalb, fährt er fort, werde er unablässig beobachtet und täglich, ja stündlich mit dem Leben bedroht. „Bertram Schoch, die Leute werden sagen, Sie litten an Verfolgungs­wahn.“ Der Philosoph lacht auf: „Ha, was die Leute sagen, ist mir egal!“

 

Der schlimmste Feind der Menschheit ist in Bertram Schochs Augen die katholische Kirche. In ihr walteten die Mächte der Finsternis. Aber der Irrglaube habe keine Zukunft. Seit Bertram Schoch zur Welt kam, seien schon drei Päpste gestorben. (Dank mir, deutet er mit Selbstzufriedenheit an.) Und mit Malerei kämpft er weiter.

 

Bertram Schoch schmiedet „Bildwelten“, die für ihn Schicksalscharakter haben. Sie mögen uns kitschig, naiv erscheinen; das Gespräch mit dem Künstler lässt jedoch erkennen, dass da unendlich viel Wissen und Denken dahintersteckt … Ziel seiner prophetischen Mission ist die Beschwörung des Guten, der Versuch, den Berg der Verheissung zu besteigen. Bertram lebt mit seiner Lebensgefährtin in Monthey (VS); er ist heute 78 Jahre alt. Zur Kenntnis genommen hat ihn seine Umwelt vor allem als „Spinner“, als Verrückten, und ihn damit an den Rand unserer Gesellschaft gedrängt. Es liegt viel Tragik in diesem oft verblüffenden Suchen und doch nie Verstandenwerden.

 

Das schrieb Annelis Zwez am 25. August 1984 in der „Solothurner Zeitung“, fünf Jahre nach der Aufnahme für die „Plans Fixes“. Heute, nach dem Einmarsch der Russen in der Ukraine, wissen wir, dass der deregulierte Wahnsinn nicht in Bertram Schochs Kopf liegt. Der Prophet und Warner, der in der Atombombe die grösste Gefahr für die Zukunft sah, wurde von der der Geschichte rehabilitiert.

 

Umgekehrt ward er Christus, den er für den grössten Wirrkopf und Schwindler hielt, nicht gerecht. Denn was im ersten Petrusbrief zu lesen ist, liegt durchaus auf seiner Linie (4, 7-11):

 

Es ist aber nahe gekommen das Ende aller Dinge. So seid nun mässig und nüchtern zum Gebet. Vor allen Dingen habt untereinander eine inbrünstige Liebe; denn „die Liebe deckt auch der Sünden Menge“ (Spr. 10,12). Seid gastfrei untereinander ohne Murren. Und dienet einander, ein jeglicher mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes: Wenn jemand redet, dass er’s rede als Gottes Wort; wenn jemand ein Amt hat, dass er’s tue als aus dem Vermögen, das Gott darreicht, auf dass in allen Dingen Gott gepriesen werde durch Jesus Christus.

 

Wie die Apostel predigt auch Bertram Schoch, dass das Ende der Welt nahe sei. Aber er sieht darin keinen Auftrag an die Menschen, sondern an sich. Auserwählt von höheren Mächten sucht er die „Kunst des Wahren, Guten und Schönen“ („Les Arts du Vrai, du Bien, du Beau“).

 

Dazu erklärt das „museum im lagerhaus sg. stiftung für schweizerische naive kunst und art brut“:

 

Ab 1956 bis zum Tod 1987 lebt er als freischaffender Emailleur in Monthey VS. Sein Sendungsbewusstsein und seine religiösen Theorien stossen mehr und mehr auf wachsendes Misstrauen. Im Dorf zeigt man ihm offene Ablehnung, die in einer vierjährigen Internierung in der Psychiatrischen Klinik Malévoz ihren Höhepunkt findet. Bertram stirbt 1987 in armseligen Verhältnissen.

 

Nun aber ist die flammende Botschaft des Emailleurs unversehens wieder aktuell geworden. Gestern schrieb der Philosoph Jürgen Habermas in der „Süddeutschen Zeitung“ gegenüber dem Krieg in der Ukraine:

 

So wächst unter den Zuschauern im Westen die Beunruhigung mit jedem Toten, die Erschütterung mit jedem Ermordeten, die Empörung mit jedem Kriegsverbrechen – und der Wunsch, auch etwas dagegen zu tun. Der rationale Hintergrund, vor dem diese Emotionen landesweit aufwallen, ist die selbstverständliche Parteinahme gegen Putin und eine russische Regierung, die einen massiven völkerrechtswidrigen Angriffskrieg vom Zaune gebrochen haben und die mit ihrer systematisch menschenverachtenden Kriegführung gegen das humanitäre Völkerrecht verstossen. …

 

Angesichts des unbedingt zu vermeidenden Risikos eines Weltenbrandes lässt die Unbestimmtheit keinen Spielraum für riskantes Pokern. Selbst wenn der Westen zynisch genug wäre, die „Warnung“ mit einer dieser „kleinen“ Atomwaffen als Risiko einzukalkulieren, also schlimmstenfalls in Kauf zu nehmen, wer könnte garantieren, dass die Eskalation dann noch aufzuhalten wäre?

 

So hat nun in unseren Tagen die Rückkehr der Geschichte den 73-jährigen Autodidakten in Monthey und den 93-jährigen Fachphilosophen in Starnberg zusammengebracht. Die beiden teilen ihre mahnende Haltung mit der Philosophin > Jeanne Hersch.

 

Als ich sie 1990 in ihrem Genfer Bungalow besuchte, eröffnete sie das Gespräch mit der Bemerkung, mit dem Alter gebe es Verschiedenes, was sie kaum mehr ertrage. Am wenigsten den „Angélisme“. Was das sei? Nun, zu glauben, die Menschen seien nicht Menschen, sondern Engel. Also reine Lichtwesen, ohne Schatten, ohne Bosheit, ohne Hinterlist. „Um das zu erkennen, brauchte man bloss den jüdischen Krieg von Flavius Josephus zu lesen“, warf ich damals ein.

 

Nun breitet Heribert Prantl in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 16. April 2022 den Schrecken aus, der vom antiken Historiker beschrieben wurde:

 

Die Soldaten trieben ihren folternden Spott mit den Gefangenen: Sie nagelten jeden in einer anderen Stellung ans Kreuz. Und bald fehlte es an Platz für die Kreuze und an Kreuzen für die Leiber, so viele waren es. Die Massenkreuzigungen in Sichtweite der Stadt, es waren täglich fünfhundert und mehr, sollten die Verteidiger Jerusalems zermürben und zur Aufgabe zwingen. Die Stadt wurde schließlich dem Erdboden gleichgemacht, der Tempel niedergebrannt. Das waffenstarrende römische Imperium, das Kaisertum von Nero, Vespasian und Titus statuierte mit 60 000 Soldaten ein blutiges Exempel: Galiläa wurde verwüstet, ein Drittel der jüdischen Bevölkerung getötet. Jerusalem blieb auf sechzig Jahre unbewohnbar.

 

Hunderttausend jüdische Gefangene wurden in die Bergwerke, auf die Galeeren und, zum Mordsgaudium der Römer, zu den Spielen in die Amphitheater gezwungen. Wegen des Überangebots auf dem Sklavenmarkt brachen dort die Preise zusammen.

 

Der frühere Inlandchef der Münchner Qualitätszeitung führt aus:

 

Die Verstörung darüber haben die Evangelisten dadurch entstört, dass das versprochene Reich „nicht von dieser Welt“ sei, sprich: Es sei von anderer Qualität, Logik und Ordnung als die der Kriegsherren; es sei „mitten unter euch“ und eine Art Graswurzelbewegung in allen Völkern. Die frohe Botschaft wurde so entnationalisiert; und die Hoffnung, die in den vielen Wundergeschichten lebt, wurde internationalisiert. Sie handeln vom Wiederaufstehen der Kriegsopfer; Kranke werden geheilt; Gelähmte kommen auf die Beine; Besessene werden erlöst.

 

Man kann das alles vor dem Hintergrund der Besatzung Israels durch das Römische Reich und der Aufstandsbewegungen dagegen lesen. Viele der Wundergeschichten sind Heilungsgeschichten, solche also, die aus der Todeszone herausführen. Die wundersamste und tröstlichste dieser biblischen Geschichten ist die von der Auferstehung des gekreuzigten und begrabenen Jesus. Sie wird zur Generalgeschichte von der Wiederauferstehung nach einer Katastrophe; sie soll besagen, dass diejenigen, die töten und morden, nicht triumphieren und dass ihre Opfer ins Recht gesetzt werden.

 

66 Views
Kommentare
()
Einen neuen Kommentar hinzufügenEine neue Antwort hinzufügen
Ich stimme zu, dass meine Angaben gespeichert und verarbeitet werden dürfen.*
Abbrechen
Antwort abschicken
Kommentar abschicken
Weitere laden
Dialog mit Abwesenden / Réponses aux Plans Fixes [-cartcount]