Pierrette Micheloud: Lyrikerin. Malerin.

6. Dezember 1915 – 14. November 2007.

 

Aufgenommen am 24. November 1993 in Lausanne.

Pierrette Micheloud – Association Films Plans-Fixes (plansfixes.ch)

 

> Vor der Kamera der „Plans Fixes“ repräsentiert Pierrette Micheloud die Lyrik. Und zwar die sapphische. Als Pierrette Micheloud mit zwanzig diese Art von Poesie kennenlernte, fühlte sie sich auf einen Schlag nicht mehr allein. Das, was sie besang, empfand und suchte, lag offensichtlich nicht ausserhalb des Menschlichen. Sappho – die Dichterin von Lesbos und, laut Platon, die zehnte Muse – wurde fortan zum Leuchtturm, nach dem die junge Lyrikerin ihre Fahrt ausrichtete. <

 

Der Schwarzweissfilm, vor dreissig Jahren gedreht, zeigt eine Frau, die sich hergerichtet hat. Sie trägt eine dunkle Perücke, vermutlich braun, unter der hinten links ein keckes kleines graues Haarbüschel hervorblickt. Die Obergebissprothese mit ihrer weiss bleckenden Perfektion gehört, so ist zu vermuten, zur billigen Sorte; woraus sich schliessen lässt, dass die Frau, was das Finanzielle angeht, nicht gerade auf Rosen gebettet ist.

 

Über dem weissen Hemd hat sie, wie der korrekte Mann, eine Krawatte umgebunden. Darüber trägt sie kokett ein dunkles, vermutlich schwarzes Gilet. Ein viereckiger Ring am kleinen Finger der linken Hand kommt ins Blickfeld, wenn Pierrette Micheloud ein Blatt aufnimmt, um als Probe ihres Schaffens ein Gedicht vorzulesen. So präsentiert sie sich heute. – Heute! Was für eine Widersprüchlichkeit! Die Aufnahme stammt ja aus dem Jahr 1993! Damals war die Lyrikerin 78.

 

Die Anfänge liegen im Dunkeln. Nach ein paar Semestern an den Universitäten von Zürich (deutsche Sprache, französische Literatur) und Lausanne (Theologie) lässt Pierrette Micheloud alle Leinen los und fährt nach Paris. Im Alter von 37 Jahren bezieht sie ein Mädchenzimmer an der Seine (une chambre de bonne sous le toit). Dort entstehen mehrfach ausgezeichnete Lyrikbände. Für Pierrette Micheloud wirkt die stille Kammer inmitten in der brummenden Stadt, angefüllt mit der Energie vieler intelligenter Köpfe, inspirierender als die leere Natur.

 

Zum Schreiben macht sie sich die Aufgabe nicht leicht. Wie bei ihrem Schriftstellerkollegen Roland Donzé, dem Romancier (auch er untergebracht bei L‘Age d’Homme), führt die Entscheidung für selbstgesetzte technische Schwierigkeiten zu Neuem, Unerwartetem, Beglückendem. Die Lyrikerin sucht nach einem Wort; und wenn sie es hat, erweist es sich als Durchgangspunkt. Gottfried Benn hat für diese Erfahrung die Anthologieverse verfasst: 

 

Ein Wort, ein Satz –: Aus Chiffren steigen

erkanntes Leben, jäher Sinn,

die Sonne steht, die Sphären schweigen

und alles ballt sich zu ihm hin …

 

Bei Pierrette Micheloud regt sich – wie bei den Kollegen Johann Wolfgang von Goethe, Gottfried Keller, Wilhelm Busch, Friedrich Dürrenmatt und Günter Grass – neben der poetischen Begabung auch das bildnerische Talent. Einzelne ihrer Gedichtbände illustriert die Poetin selbst. Sie erfährt sich dabei als widersprüchliches Wesen: „Einerseits sage ich mir: ‚Vanitas vanitatum‘ [Eitelkeit der Eitelkeiten]. Du bist nur Staub. Und doch biete ich mich der Kamera an, als ob sich damit die Vergänglichkeit aufhalten liesse.“

 

Nun, einen Sinn fürs Widersprüchliche hatten die Dichter seit jeher. – Wilhelm Busch:

 

Zauberschwestern

 

Zweifach sind die Phantasien,

Sind ein Zauberschwesternpaar,

Sie erscheinen, singen, fliehen

Wesenlos und wunderbar.

 

Eine ist die himmelblaue,

Die uns froh entgegenlacht,

Doch die andre ist die graue,

Welche angst und bange macht.

 

Jene singt von lauter Rosen,

Singt von Liebe und Genuss;

Diese stürzt den Hoffnungslosen

Von der Brücke in den Fluss.

 

Die Gespaltenheit erlebt Pierrette Micheloud bereits in ihrer Wohnung. Sie unterbricht sich gleich, denn vor dem Kamerateam ist Grosstun nicht möglich, und ersetzt das Wort „appartement“ durch „studio“. An diesem Wohnort fehlt der Platz, um gleichzeitig zu dichten und zu malen. Pierrette Micheloud muss deshalb eines nach dem andern tun: An zwei, drei Tagen malt sie. Dann räumt sie Staffelei und Utensilien weg und richtet, für die restlichen Tage der Woche, den Raum zum Schreiben her.

 

Immer aber bleibt Pierrette Micheloud frei und ungebunden. Sie bestätigt damit die Beobachtung, die der Berner Patrizier Karl Viktor von Bonstetten nach der Heirat an sich selber machte:

 

Meine Frau ist schon seit drei Monaten schwanger. Es gibt Erfahrungen, die man nicht an anderen, sondern allein an sich selbst beobachten kann. Von dieser Art ist diese: Dass der unverehelichte Stand sich für einen Gelehrten und einen Schriftsteller besser schickt als der Stand der Ehe. Denn wie viele unmerkliche Zerstreuungen die Ehe verursacht, ist unbeschreiblich; alle Empfindungen, die sie in die Seele giesst, gehen so in das Innerste derselben ein, dass gewiss die Triebfedern des Grossen dabei leiden müssen.

 

In seinem Brief vom 12. August 1776 formuliert er die Konsequenz für Johannes von Müller in Er-Form:

 

Hätte Müller der heftigen Begierde seiner Eltern nachgegeben und sich in Schaffhausen an ein Weib und an ein Amt verheiratet, so würde er unzweifelhaft sein edel schimmerndes Genie dabei eingebüsst haben.

 

Pierrette Micheloud hat ihr „edel schimmerndes Genie“ vor dem Zugriff der Kontingenz so gut es ging geschützt. Anton Reiser, die Hauptfigur im gleichnamigen Roman von Karl Philipp Moritz, hätte ihr gegenüber seine Vorstellung vom Schreiben aussprechen können:

 

Ein Buch war ihm eine so heilige und wichtige Sache, deren Hervor­bringung er kaum einem Sterblichen, wenigstens keinem noch lebenden Sterblichen zutrauete. – Überhaupt war es ihm eine sonderbare Idee, wenn er hörte, dass die Personen, die irgendein berühmtes Werk geschrieben hatten, noch lebten, und also assen, tranken, und schliefen, wie er.

 

Darauf hätte die 2007 Verstorbene geantwortet: Schwierige Sachen sind schwierig. Auf dem Bildschirm erscheine ich dir als Person, die isst, trinkt und schläft wie du, und dabei weisst du, dass die heiligen und wichtigen Sachen, von denen ich spreche und die ich hervorgebracht habe, heute mit mir untergegangen sind wie die Käufer von Lyrikbänden und die Angehörigen des Bildungsbürgertums ganz allgemein.

 

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