Maurice Aufair: Schauspieler. Ich warte auf Godot.

14. Mai 1932 –

 

Aufgenommen am 26. Juni 2020 in Thônex.

Maurice Aufair – Association Films Plans-Fixes (plansfixes.ch)

 

> Dass Maurice Aufair Schauspieler ist, zeigt sich in den „Plans Fixes“ daran, dass der alte Knabe mit 88 noch so lebendig ist wie ein Kind und dass es ihm auf Anhieb gelingt, den Betrachter hineinzunehmen in die Person, die er darstellt, in die Gedanken, die er vermittelt, und in die Botschaft, die er weitergibt. Er schafft das durch eine Art von Ansprache, die das Gefühl hervorruft, schon immer mit ihm befreundet gewesen zu sein. <

 

Maurice Aufair beginnt im Hier und Jetzt. Er zeigt, wie er arbeitet, und zwar nicht „an und für sich“, sondern am Stück, mit dem er nach viermonatigem Corona-Lockdown bald auftreten wird. Die Rolle hat er bereits gespielt – vor fünfzig Jahren, bei der Uraufführung 1974. Damals war er noch zu jung und musste sich auf alt schminken. Heute ist er zu alt. Aber nicht deswegen hat er sich der Wiederaufnahme widersetzt, sondern weil er den Kollegen nicht im Weg stehen wollte, sich nach Öffnung der Theater wieder zu präsentieren.

 

Doch um den Saal zu füllen, verlangte die Regisseurin Françoise Courvoisier ihn, den Star, den ein weites Publikum von Film und Fernsehen her kennt und der für die Kenner Notorietät hat durch seine Engagements an der Comédie de Genève, dem Théâtre de Carouge, dem Théâtre de l’Odéon und der Comédie Française.

 

Maurice Aufair hat viele grosse Film- und Fernsehrollen unter den grossen Regisseuren gespielt, die grossen Figuren von Molière – und die Klassiker von Beckett und Pinter. Mit „Warten auf Godot“ fing’s an, der Schweizer Erstaufführung im Jahr 1960, dann ging’s weiter zu „Endspiel“, „Das letzte Band“, „Der Hausmeister“ … Der junge Schauspieler brannte mit seinem Partner und Regisseur François Simon für das neue Theater. Sie stellten es der Bevölkerung auf ausgedehnten Tourneen vor, und Maurice Aufair erlebte dabei, dass ein Stück wächst, je länger man es spielt. Ganz eindrücklich wiederholte sich die Erfahrung, als Maurice Aufair ein Jahr lang im Ensemble von > Benno Besson auf Gastreise ging, nach Moskau, nach Sankt Petersburg, nach Nordafrika (Algerien, Marokko, Tunesien), durch ganz Frankreich (Marseille, Lyon, Bordeaux) und am Ende, selbstverständlich, nach Paris.

 

Dass er es so weit bringen würde, hätte er nie geglaubt – – und auch nicht angestrebt, denn er war Sprössling einer bescheidenen Familie im Berner Jura, die den Namen Hofer trug (französisch ausgesprochen: „Aufair“). Fürs Collège kam er von Moutier nach Pruntrut, merkte aber bald, dass ihm die Begabung für die MINT-Fächer fehle. An ihnen scheiterte er denn auch. Doch der Französischlehrer > Pierre-Olivier Walzer und der Zeichenlehrer hatten es mit ihrer Begeisterung schon geschafft, den Jungen anzufixen für die Künste. Er erinnert sich: „Wir verglichen Braque und Picasso mit Ravel und Strawinsky. Eine unvergessliche Erfahrung.“

 

Als Maurice Aufair den Schulbesuch nach zwei Jahren wegen schlechter Leistungen abbrechen musste, ging er nach Genf, um zu schauen, ob nicht der Schauspielerberuf etwas für ihn sei, und meldete sich zur Aufnahme­prüfung am Konservatorium. Verlangt wurde eine Szene aus dem „Geizigen“. Ohne eine Ahnung vom Theater zu haben, trat der Jüngling auf und erhielt nach dem Auftritt den Bescheid: „Sie haben alles gegeben ausser Molière.“ Der Direktor nahm ihn nebenaus: „Sie haben einen furchtbaren jurassischen Akzent. Den müssen Sie unbedingt wegbringen, sonst haben sie keine Chance.“ Maurice Aufair bekam eine Sprachlehrerin vermittelt, die er zwei Jahre lang zweimal abends besuchte. Derweil nahm sein Arbeitgeber – ein Schriftsteller, Journalist und Drucker – Rücksicht auf seine ungleichmässige Belastung und beschäftigte ihn mit einem flexiblen Pensum.

 

„Monsieur Jouvet“, nannte ihn der Vater ironisch, wenn er ihn in Genf besuchte und zum Essen einlud. Doch dann bekam Maurice Aufair mit 18 den ersten Auftritt. Die Gage betrug 2 Franken. In der Kritik wurde er mit drei lobenden Zeilen erwähnt.

 

Nach dem überraschenden Tod des Vaters fand Maurice Aufair den Zeitungsausschnitt in dessen Brieftasche. Dass er auf den Sohn stolz sei, hatte er sich nicht anmerken lassen. Nun kam das Geheimnis an den Tag.

 

Auch der Bühnenbildner > Roger Deville, ebenfalls von Patrick Ferla für die „Plans Fixes“ befragt, hatte nichts von deutscher Familieninnigkeit zu berichten. „Iss deine Suppe!“, hiess es im Elternhaus. „Und?“, fragt Ferla, „war sie gut?“ „In der Regel schon.“ So ging es zu in Paris und Moutier.

 

Jetzt sind wir wieder am Tisch. Maurice Aufair hat das Kamerateam der „Plans Fixes“ in seiner Stube empfangen. Er hält den Text vor sich, an dem er gerade probt: „Séance“ von Michel Viala. 1974 hat er das Stück aus der Taufe gehoben, und in zwei Monaten, im August 2020, wird er es wieder spielen. Es zeigt die Sitzung eines Gremiums, zu der niemand erschienen ist. Ein einziger Überlebender ist im Raum. Könnte es zu Corona etwas Passenderes geben?

 

Liebe Fröhliche Zeitgenossen ... In Abwesenheit des Vorsitzenden, des stellvertretenden Vorsitzenden, des Sekretärs, des Schatzmeisters ... kurzum des gesamten Vorstands ... äh ... eröffne ich die Sitzung.

 

„Die Arbeit beginnt mit der Lektüre des Texts“, erklärt Maurice Aufair. „Dann beschäftige ich mich mit dem Autor: Was hat er sonst geschrieben? In welcher Epoche hat er gelebt? Darauf beginnt die Auseinandersetzung mit der Figur. Ihre Biografie? Ihr Charakter? Das ergründe ich im Zusammenspiel mit den Kollegen und dem Regisseur. Die Frage ist: Warum gibt die Figur an dieser Stelle diese Antwort? Und warum schweigt sie hier?“

 

Maurice Aufair nimmt die Zuschauer mit in „Ma vie dans l‘art“. So hat Konstantin Stanislawski seine Erinnerungen betitelt. In ihnen beschreibt der russische Theaterreformer auch Maurice Aufairs Erfahrung:

 

Die Regisseure suchten überall nach Mitteln und Wegen, um den Schauspielern zu helfen und sie gut zu lenken. Dann hörte der Schauspieler auf zu spielen und begann, das Stück zu leben, wurde zu einer seiner Figuren. Die Worte und Taten der Rolle wurden zu seinen eigenen Taten und Worten. Ein Wunder der Schöpfung geschah, das unentbehrlichste Sakrament der Seele, in dessen Namen es sich lohnt, alle Opfer zu bringen, zu ertragen, zu leiden und für unsere Kunst zu arbeiten.

 

Am Abend des Lebens stellt der Schauspieler fest, er könne sich keinen schöneren Beruf vorstellen. Er bringe einen mit Menschen zusammen, erfundenen und realen, mitspielenden und zuschauenden; immer aber gehe es um das Leben, das richtige, das falsche ...

 

Bei dieser Beschäftigung bleibt man jung. Mit 88 wirkt der alte Knabe noch so frisch, beweglich und lebendig wie ein Kind.

 

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