3. November 1934 –
Aufgenommen am 8. Dezember 2024 in Lausanne.
Gilbert Mayer – Association Films Plans-Fixes
> Das Alter ist nichts für Feiglinge. Der neunzigjährige Gilbert Mayer trägt einen riesenhaften, unförmigen Bauch vor sich her. Mit den Schuhsohlen tritt er hart auf den Boden, denn sein Gang ist steif und das Knie lädiert. In einem Übungssaal des Béjart Ballet Lausanne nimmt er Platz. Die Spiegel werfen das Bild des Hochbetagten von allen Seiten zurück. Aber im leuchtenden Gespräch mit dem 76-jährigen Jean-Pierre Pastori, seines Zeichens ewiger Jüngling, Tanzspezialist und Tanzkritiker, führt Gilbert Mayer den Zuschauer in eine Welt voller Grazie, Jugendlichkeit und Schönheit, und er zeigt: Die Seele hat kein Alter (l’âme n’a pas d’âge). <
Die Vorsehung führt uns mit solcher Güte durch unsere verschiedenen Lebensabschnitte, dass wir sie fast nicht bemerken. Der Übergang vollzieht sich sanft; er ist kaum wahrnehmbar. Es ist wie der Zeiger auf dem Zifferblatt, dessen Bewegung wir nicht sehen. Wenn man uns mit zwanzig Jahren den höchsten Rang in unserer Familie geben würde und uns in einem Spiegel das Gesicht zeigen würde, das wir mit sechzig haben werden, wir würden umfallen und vor diesem Gesicht Angst empfinden. Aber wir legen einen Tag nach dem andern zurück. Wir sind heute wie gestern und morgen wie heute. So schreiten wir voran, ohne es zu spüren, und das ist eines der Wunder der Vorsehung, die ich verehre.
(Madame de Sévigné.)
Während der alte Mann mit Wärme von seiner Tanzkarriere erzählt, wird ein Bild dazwischengeschnitten: Es zeigt den Elfjährigen in seiner ersten Theaterrolle als Prinz. Der Direktor des Genfer Schauspielhauses hatte den Buben angehalten, als er vom Tanzunterricht die Treppe herunterspang: „Jeune homme! Ich hätte etwas für dich. Möchtest du auf die Bühne?“ Von da an war Gilbert Mayer Kinderstatist und Kinderdarsteller. „Aber du musst deine Aussprache verbessern!“ Dem Lehrbuch folgend, vollzog er die Übungen der Schauspielschüler mit einem Bleistift zwischen den Zähnen, um die Artikulation zu schärfen.
Daneben setzte Gilbert die Tanzstunden fort. Die Mutter hatte ihn hingeführt, in der Hoffnung, dass er stillsitzen lerne. Denn von klein auf fuhr ihm die Musik in die Glieder. Sobald sie aus dem Lautsprecher kam, musste er Arme und Beine bewegen. Nun gab eine alte Tänzerin Unterricht für Kinder im Estrich der Comédie de Genève. Die Ballettstange war das Treppengeländer. Die Lehrerin sass im Fauteuil und forderte den Neuankömmling auf, sich neben die andern zu stellen: „Mach das Gleiche wie sie!“
„Die Methode war gar nicht schlecht“, findet rückblickend der erfahrene Ballettlehrer. „Bei ihr zeigt sich von Anfang an, was in einem steckt.“ Die Kinder lernen ja voneinander die Purzelbäume, das Trotteinettfahren, den Umang mit Seil und Ball; einzelne auch die Beherrschung von Instrumenten. Mozart nannte das „Ablernen“. – Nach der ersten Lektion wollte die Mutter wissen: „Hat’s dir gefallen?“ Für Gilbert war das keine Frage. Die Woche darauf ging er wieder ins Training. Dann zweimal wöchentlich. Und nach kurzer Zeit täglich.
Daneben lief immer noch das Theater. Zwei Jahre lang schwankte der Junge zwischen den Künsten. Dann klärte sich ihm die Frage innert einer Nacht: Tänzer musste er werden, nicht Schauspieler! Er war jetzt zwölf. Die Lehrerin fand, sie könne ihm nichts mehr beibringen. Er müsse weiter in eine grosse Stadt: Mailand, Paris oder Wien. In Paris lebte ein Onkel. Das gab den Ausschlag. Der Vater fand zwar, Tänzer sei kein Beruf für einen Mann. Aber die Mutter legte sich ins Zeug und führte den Sohn im Nachtzug an die Seine. Da sollte er durch einen Privatlehrer für die Aufnahmeprüfung in die Ballettschule der Pariser Oper vorbereitet werden.
Aber das Examen verlief nicht glücklich. Der Junge hatte auf der Fahrt erbrochen und vor Nervosität kaum geschlafen. Der Lehrer verhielt sich abweisend. Die Mutter brachte ihn indes dazu, einen zweiten Versuch nach vierzehn Tagen zuzulassen. Er fiel überzeugend aus, und Gilbert wurde als Privatschüler angenommen. Ein halbes Jahr später schaffte er die Aufnahme an die Oper, und von da an befand er sich immer an der Spitze. Morgens besuchte er den Schul- und nachmittags den Ballettunterricht. Zuweilen machte er Figuration an den Abendvorstellungen. „Einmal verpasste ich den letzten Bus. Ich musste zu Fuss nach Hause. Ich wohnte weit vor der Stadt. Um den Weg abzukürzen, ging ich durchs Bois de Vincennes. Mit 14 Jahren!“
Mit 18 Jahren erhielt Gilbert Mayer Soloauftritte: „Ich war zwar nicht gross, aber meine Proportionen stimmten.“ Ein dazwischengeschnittenes Foto zeigt einen berückend schönen jungen Mann mit sympathischem Gesicht, langen Beinen, schmalen Hüften und gut gebautem Oberkörper. Der Chef der Truppe, Serge Lifar, nahm den Star an Vorträge mit zur Demonstration in Mailand, London, Moskau. Später sagte er: „Übernimm die Fackel!“
Gilbert Mayer wurde Lehrer am Corps de Ballet der Pariser Oper und an der Ballettschule. Seine Frau, die den gleichen Weg durchlaufen hatte, unterrichtete die Anfänger, er die Fortgeschrittenen. Später holte ihn Maurice Béjart in gleicher Funktion nach Lausanne. Lehraufträge führten ihn in die ganze Welt. Am Genfer Konservatorium hatte er 14 Jahre lang eine Klasse. Immer ging es um französische Ballettkunst. „Man kann sagen, eine Ihrer Eigenschaften sei die Treue“, stellt Jean-Pierre Pastori fest. Und in der Tat: Die Ehe des Neunzigjährigen hielt bis zur Gegenwart. 56 Jahre lang. Und bis heute nimmt er Einladungen zum Unterrichten an. „Vortanzen kann ich nicht mehr. Aber die Bewegungen mit den Beinen skizzieren, das schon.“ L’âme n’a pas d’âge.
Sie wissen, dass ich es nicht ertragen kann, wenn alte Leute sagen: „Ich bin zu alt, um mich zu bessern.“ Ich würde es einem jungen Menschen eher verzeihen, wenn er so etwas sagte. Die Jugend ist so liebenswert, dass man sie verehren müsste, wenn Seele und Geist ebenso vollkommen wären wie der Körper; doch wenn man nicht mehr jung ist, muss man sich vervollkommnen und versuchen, auf der Seite der guten Eigenschaften wiederzugewinnen, was man auf der Seite der angenehmen verliert. Diese Überlegungen habe ich schon vor langer Zeit gemacht, und aus diesem Grund möchte ich jeden Tag an meinem Geist, meiner Seele, meinem Herzen und meinen Gefühlen arbeiten.
(Madame de Sévigné.)