Heidi Diggelmann: Das Wissenschaftsvirus.

3. Dezember 1936 – 21. Januar 2022.

 

Aufgenommen am 16. November 2017 in Lausanne.

Heidi Diggelmann – Association Films Plans-Fixes (plansfixes.ch)

 

> Noch vor drei Wochen fanden sich unter den Lebenden zwei Frauen mit Jahrgang 1936, die Heidi Diggelmann hiessen. Die eine, geboren in Zürich, wurde Schauspielerin. Von ihr weiss das Netz viel zu sagen. Zur andern aber, geboren in Bern, blieb es, bis vor zwei Wochen, stumm. Jetzt verbreitet es die Meldung des Schweizerischen Nationalfonds weiter: „Ende Januar ist Heidi Diggelmann verstorben. Sie war eine erfolgreiche Forscherin und hat sich als Präsidentin des Nationalen Forschungsrats unter anderem für Interdiszipli­narität und Frauenförderung stark gemacht.“ <

 

Was die Forscherin Heidi Diggelmann fünf Jahre vor ihrem Tod der Kamera der „Plans Fixes“ über sich erzählt hat, sagt nun auch der Nachruf des Schweizerischen Nationalfonds:

 

Heidi Diggelmann, geboren 1936, war ausgebildete Ärztin und von 1971 bis 1991 Abteilungsleiterin am Schweizerischen Institut für Experimentelle Krebsforschung (ISREC) und von 1991 bis 2001 Direktorin des Instituts für Mikrobiologie an der Universität Lausanne. Als international anerkannte Forscherin setzte sie sich während vieler Jahre auch für forschungspolitische Anliegen ein. So war sie unter anderem von 1990 bis 1996 Mitglied des ETH-Rats und war auch Mitglied der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissen­schaften.

 

Von 1997 bis 2004 präsidierte Heidi Diggelmann als erste und bisher einzige Frau den Nationalen Forschungsrat des SNF. In einem Bilanzgespräch über ihre Präsidentschaft erzählte sie, wie stolz sie sei, dass die Autonomie von jungen Forschenden besser gefördert werde und dass die Anliegen von Frauen in der Wissenschaft mehr Gehör fänden. Sie sprach aber auch von Herausforderungen, die es zu meistern gelte: „Die Forschenden sollen auch unkonventionelle, kreativere Karrieren durchlaufen können, beispielsweise interdisziplinäre Aspekte pflegen oder sich vermehrt für Öffentlichkeitsarbeit engagieren.“

 

Schliesslich war sie der Ansicht, dass eine Institution wie der SNF bewusst das Risiko in Kauf nehmen muss, auch mal einen Flop zu finanzieren. „Sonst fördern wir nur noch das, was dem Zeitgeist entspricht, und übersehen das wirklich Neue, das Unerforschte.“

 

Ein Nekrolog von drei Abschnitten. Für ein ganzes Leben. Aber nicht ohne Grund. Die Forscherin Heidi Diggelmann gehörte zu den Menschen, die ganz in ihrer Arbeit aufgehen, sich aber auch ganz hinter ihrer Arbeit verbergen. Dazu passt, dass die DVD-Ausgabe ihres Films auch das Porträt von > Danielle Bridel bringt. Die ehemalige Dienstchefin des militärischen Frauenhilfsdiensts FHD führte ebenfalls ein diskretes Privatleben; blieb kinderlos und unverehelicht; weihte ihre Person ausschliesslich der Sache und dem Auftrag. Die beiden Frauen gehörten zu einer Generation, die noch mit der Maxime „Mehr sein als scheinen!“ aufgewachsen war. Wer seine Arbeit geleistet hatte, zog sich ins private, das heisst: Aussenstehenden unzugängliche Leben zurück: „Servir et disparaître.“

 

Zu ihrer Generation gehörte auch Hans Koblet. Im Militär brachte er es zum Regimentskommandanten im Rang eines Obersten im Generalstab und in der Wissenschaft – wie Heidi Diggelmann – zuerst zum Arzt, dann zum Mikrobiologen und schliesslich zum Professor und Institutsleiter. In seiner Autobiografie („Meinen Eltern und Freunden“) vermerkte der 80-jährige:

 

Bei Heidi Diggelmann, via Lausanne und USA nach Bern gekommen, wo sie Arbeiten über Tumorviren fortsetzte, lernten wir die Verfahren der Zellkultur. Von da an brauchten wir keine Tierversuche mehr vorzu­nehmen, endlich! Für unsere Zwecke, bis zur Emeritierung, erwiesen sich virologische Arbeiten mit Hilfe von Zellkulturen als weit ergiebiger als alle Tierversuche.

 

Im Januar 1963 begann Heidi Diggelmann, bei Hans Koblet an ihrer Dissertation zu arbeiten:

 

Sie ist eine hochbegabte Person, liess sich für die Forschung begeistern, schaffte sich später einen Ruf für ihre Arbeiten mit Tumorviren, auch Molekularbiologie, am Institut Suisse de Recherches Expérimentales sur le Cancer [begründet von > Alfredo Vannotti] und beendete ihre Laufbahn als Präsidentin des Forschungsrates. Sie schloss ihre Dissertation über die Clearance verschiedener Immunglobuline Ende 1964 ab. Am 2. Mai 1964 erhielten wir den Preis der schweizerischen Gesellschaft für Innere Medizin für unsere Arbeit über unspezifische Wirkungen von Immunglobulinen.

 

Die Doktorandin war Hans Koblet beim letzten Schritt seines wissenschaft­lichen Longsellers behilflich: „Physikalische Begriffe in der klinischen Biochemie“ (beim Thieme Verlag im Angebot von 1964 bis 1985): „Die Druckfahnen waren dermassen voller Fehler, dass ich verzweifelt mit Heidi im Sommer 1963 während vieler Nachmittage Korrekturen las.“

 

Die beiden Nachwuchsforscher lebten noch im Ancien Régime:

 

Wir schrieben die Gesuche; der Ordinarius unterschrieb. Wir erarbeiten und schrieben die Publikationen, er korrigierte und setzte seinen Namen zu den Autoren. Er gab uns nicht die Freiheit, in eigener Regie Gesuche an den Nationalfonds zu stellen. Der Thieme Verlag wünschte zu meinem Buch ein Vorwort des Institutsleiters; er liess mich anderthalb Jahre warten. Wir trugen den administrativen Ballast ohne entsprechende Stellung nach aussen. Das führte zu meiner Kündigung auf den 30. September 1965. Aber nach Jahr und Tag muss ich Gerechtigkeit üben. All das war damals Brauch und an der Tagesordnung. Es gab noch keine Vorschriften in internationalen Zeitschriften, wie die Autorschaft zu handhaben sei. Gerade die grosse Belastung des Professors schenkte uns ungeahnte Freiheiten. Wir rächten uns dadurch, dass wir einen internationalen Kongress in Grindelwald vom 10. zum 12. September 1964 über die Physiologie und Pathophysiologie des Plasmaprotein-Stoffwechsels organisierten. [Hans Koblet, Paul Vesin, Heidi Diggelmann, Silvio Barandun.] Der Ordinarius erhielt erst im letzten Moment Kenntnis von diesen Machenschaften.

 

Mit ihm habe ich später, wie ich [nun selber als Professor wieder] nach Bern kam, meinen Frieden gemacht, indem ich mich für mein ungebühr­liches Betragen entschuldigte.

 

Geprägt von dieser Zeit setzte sich Heidi Diggelmann als Präsidentin des Forschungsrats für Veränderungen ein, und der Nationalfonds hält in seinem Nekrolog fest, „wie stolz sie sei, dass die Autonomie von jungen Forschenden besser gefördert werde“.

 

Aber ob sie selbst oder andere über die Sachen reden – die Person ver­schwindet dahinter. Das entspricht dem wissenschaftlichen Ethos. Servir et disparaître. Mehr sein als scheinen. Denn am Ende zählt nur eines: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man auch Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln? Also ein jeglicher guter Baum bringt gute Früchte; aber ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen. Darum: an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“ (Matthäus 7, 16-20)

 

Ein hartes Urteil. Vor allem, wenn man den übersprungenen Satz mitliest, der später die Ketzerverbrennungen rechtfertigte: „Ein jeglicher Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.“

 

Heidi Diggelmann aber kam durch ihr wissenschaftliches Wirken am Ende des Lebens noch ins Film­pantheon der „Plans Fixes“ ...

 

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