Paul Perret: alias André Paul, Zeichner.

27. Dezember 1919 – 9. November 2018.

 

Aufgenommen am 20. Mai 2010 in Lausanne.

Paul Perret – Association Plans Fixes

 

> Paul Perret ist der Doyen unter den Porträtierten der „Plans Fixes“. Zum Zeitpunkt der Aufnahme ist er neunzig; doch wirkt er gute zwanzig Jahre jünger. Schlicht und sachlich berichtet er von der Arbeit, die ihn fit gehalten hat: Woche für Woche ein Pressebild, und zwar ohne Korrektur, in einem Strich. <

 

Man kam noch in den Nullerjahren – Paul Perret stand damals in den Achtzigern – nicht an seinen Zeichnungen vorbei. Schon nur, weil sozusagen alle Westschweizer (die Familienväter, die mittleren und leitenden Angestellten, die Lehrer, die Patrons, die Journalisten jeden Zuschnitts) am Sonntagmorgen, wenn ein paar wenige andere noch zur Predigt gingen, den Blechkasten im Quartier aufsuchten, wo „Le Matin du dimanche“ zum Kauf auflag. Und in diesem Massenblatt, das alle anderen welschen Titel (wie etwa „La Suisse du dimanche“) überlebt und deren Leser aufgesogen hatte, fanden Väter und Mütter, Töchter und Söhne, Grosseltern und Anverwandte Sonntag für Sonntag neben Artikeln zum Sport, zur Politik und zur Lebenshilfe auch die Karikatur zur Aktualität.

 

Der Strich, sagten die Kenner, sei unverwechselbar. Der Normalleser merkte es daran, dass keine andere Pressezeichnung den Illuminationen glich, die Paul Perret im „Le Matin du dimanche“ herausbrachte. Unter dem Künstlernamen André Paul goss er ein nachsichtiges Licht auf die Zeitgenossen, die zwar immer Breughelsche Züge trugen (mit Betonung der Unförmigkeiten in Körper- und Gesichtsbau), aber durch zartes Kolorit in versöhnliche Herbststimmung getaucht waren: Warte nur, balde ruhest du auch … Ronald Reagan, Georges-André Chevallaz, Jacques Chirac, Tony Blair … und auch du, Mann von der Strasse, gewöhnlicher Waadtländer.

 

Die Conditio humana bildete den gemeinsamen Boden, auf den André Paul seine Zeit-Genossen zurückführte. Und mit zartem Strich deutete er ihre Schwächen an. Bei der Abbildung der Schwächsten aber erregte die Darstellungsweise Mitleid. > Edmond Kaiser erkannte das und spannte André Paul für „Terre des Hommes“ ein. So auch > Franz Weber für seine Kampagnen. Und Jack Rollan für die Wochenzeitung „Le Bon Jour de Jack Rollan“.

 

André Pauls Talent stammte aus seiner Unvoreingenommenheit. Und die erwuchs aus dem Herkunftsmilieu: Neuenburger Uhrenarbeiterschaft. Als sich die Frage der Berufswahl stellte, war es der Vater, der sich nach einer Ausbildung umsah und den Sohn an der Kunstgewerbeschule des Technikums Biel einschrieb. Nach dem Diplom wechselte der Junge mit zwanzig zur Weiterbildung an die Pariser Kunstakademie. Dort absolvierte er ein Jahr. Dann stand plötzlich an den Türen: „Geschlossen. Die grossen Ferien sind um ein Jahr vorverlegt. Wiedereröffnung unbestimmt.“

 

Die Deutschen waren einmarschiert. Der Student konnte noch mit einem letzten Zug in die Schweiz fahren. Dort kam er gleich ins Militär – insgesamt für fünf Jahre. Doch der Kompaniekommandant wusste die Spezialbegabung zu schätzen: „Du wirst an drei Tagen pro Woche vom Truppendienst befreit. Dafür machst du Bilder.“ Es waren Ölgemälde der Offiziere, die im Stil der Pariser Akademie entstanden. Fürs Handwerk kein schlechter Job.

 

Nach dem Krieg nahm André Paul ein Atelier in Biel. Es war die Zeit der Warenhauskataloge. Die Objekte wurden damals noch gezeichnet: Besen, Fadenspulen, Lippenstifte, Zahnbürsten, Gürtel, Mäntel, Hüte, Mützen, Kämme, Tassen, Teller, Gläser … alles wanderte durch André Pauls Augen in den Stift und von dort aufs Papier. Fürs Handwerk kein schlechter Job. Dann kam Omega und wollte von ihm Uhrenabbildungen haben, und Nestlé eine Serie zum Thema Essen.

 

Damit qualifizierte sich André Paul fürs Pressebild. Für „L’Illustré“ begann er mit Witzzeichnungen. Bald füllten sie – eine Institution – die letzte Seite. Dann zeichnete er für „Le Bon Jour de Jack Rollan“ das „Opfer der Woche“ (La victime de la semaine). 1958 engagierte ihn der legendäre Verleger Lamunière für die Sonntagsausgabe von „La Tribune de Lausanne“, später „Le Matin du dimanche“, und auch da wurde André Paul zur Institution.

 

Man merkt es dem Neunzigjährigen nicht an. Schlicht erzählt er, wie er seine Ideen findet („die erste ist meistens die beste“), wie er dann das Ganze vor sich sieht, ein Blatt hervornimmt, auf ihm mit dem Bleistift die Proportionen verteilt, dann mit der Feder die Linien zieht (ohne Retusche, denn er sieht schon die Striche vor sich) und schliesslich mit dem Gummi den Bleistift wegradiert.

 

Vor zehn Jahren hat er seine Frau Anne verloren. Also hat er mit achtzig noch gelernt einzukaufen, zu kochen, den Haushalt zu besorgen. „Glücklicher­weise komme ich mit allem zurecht“, sagt er am Anfang der Aufnahme. Und am Schluss, gefragt, ob er ein glücklicher Mensch sei, antwortet er: „Diese Frage habe ich mir noch gar nie gestellt. Aber vielleicht liegt darin das Zeichen, dass ich’s bin.“

 

So stehe ich denn tief unten an der Schattenseite des Berges. Aber ich bin nicht grämlich geworden; sondern wohlgemut, halb schmunzelnd, halb gerührt, höre ich das fröhliche Lachen von anderseits her, wo die Jugend im Sonnenschein nachrückt und hoffnungsfreudig nach oben strebt.

 

Wilhelm Busch: Von mir über mich. Letzte Fassung (1894).

 

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