19. Juli 1953 –
Aufgenommen am 5. Februar 2025 in Lausanne.
Christophe de la Harpe – Association Films Plans-Fixes
> Vor 14 Monaten wurde der Film aufgenommen und von den „Plans Fixes“ angekündigt. Doch die Aufschaltung verzögerte sich. Erst heute kann man das Gespräch mit Christophe de la Harpe herunterladen. In der Zwischenzeit verlor der damals 71-jährige Bühnenbildner, der nicht ans Aufhören dachte, seinen Posten als technischer Direktor am Théatre Kléber-Méleau. „Ja, die Zeit ändert viel“ (Johann Nepomuk Nestroy). <
51 Jahre lang arbeitete Christophe de la Harpe als Bühnenbildner und technischer Direktor an den Häusern des französischen Sprachraums. Zusammen mit einer Truppe von siebzig Personen half er 1978 mit, das Théâtre Kléber-Méleau in der Industriebrache von Renens zu errichten. Die Schauspieler, angeführt vom charismatischen Philippe Mentha und seiner Partnerin > Lise Ramu, verpflichteten sich, die ersten 18 Monate ohne Gage zu arbeiten. Das kühne Projekt erhielt Zuwendungen von allen Seiten. Christophe de la Harpe hatte eine Spenglerausbildung hinter sich. Sein Lehrmeister spendete nun Röhren und Dachrinnen.
Als Assistent des Bühnenbildners Jean-Marc Stehlé kam Christophe de la Harpe bald zu eigenen Aufträgen. Besonders liebte er „das wahre Falsche“, also den Bau von Mauern, Wänden, Hausfassaden (zuletzt in „My Fair Lady“ an der Opéra de Lausanne 2022 in Kooperation mit der Opéra de Marseille). Gern stellte er sich während der Vorstellungen in die Kulissen und beobachtete die Künstler: „Es gibt Momente, wo das ganze Haus im Gleichtakt atmet.“
Christophe de la Harpe hat sich nie beworben. Er wurde berufen – als Bühnenbildner von Lausanne nach Genf, als technischer Direktor nach Rennes, Dijon, Renens, und – von > François Rochaix – ans Théâtre de Carouge. Hier wirkte er an der Errichtung des neuen Schauspielhauses mit, und hier figuriert er noch heute als „chef de projet/construction“ im Leitungsteam. Er fasst seine Arbeit als 200-Prozent-Job auf, mit Disponibilität 7/7: „Ich hatte Glück. Meine Frau Claire, die Tochter von Lise Ramu, war Schauspielerin und weiss, wie es in der Branche zugeht.“
Im Gespräch mit Patrick Ferla tauchen die grossen Namen der Westschweizer Theaterszene auf, unter anderem > Benno Besson, > Hugues Aufair und > Roger Jendly, die ins Filmpantheon der „Plans Fixes“ aufgenommen wurden. Christophe de la Harpe liebt das Neue, das von Projekt zu Projekt aus den Brettern wächst. In diesem Sinn gleicht er dem legendären Dr. Schmoll in Blaise Cendrars Roman „Dan Yack. Le plan de l’aiguille“:
Herr Doktor Schmoll vollbrachte Wunder. Er war ein Genie der Erfindung und der Anpassung, ein wacher Geist, stets aufmerksam. Unbefangen und praktisch packte er alle Probleme mutig an und fand immer eine einfache und elegante Lösung. Er wich vor keiner Schwierigkeit zurück.
Es gab zahlreiche heisse Quellen, deren Temperatur 80 °erreichte; diese wurden ebenso angezapft wie einunddreissig Fumarolen mit heftigen Dampf- und Gasausbrüchen, aus denen Schmoll unzählige Vorteile zu ziehen wusste. Da die Emissionen Schwefelgas freisetzten, kam ihm die Idee, dieses als Vulkanisationsmittel zur Behandlung von Walweiss, fälschlicherweise „Sperma ceti“ genannt, zu verwenden und aus diesem Fett ein künstliches Elfenbein herzustellen, das hart war, fest, nicht brennbar, formbar und transparent wie erhitztes Horn, weitaus billiger und viel luxuriöser als Zelluloid, und dieses Material zu verwenden für die Herstellung von Buchbindungen, Alben, Messbüchern, Psaltern, Brieföffnern, Passepartouts, Kruzifixen, elektrischen Isolatoren, Dichtungen für Motoren, Kämme, Tabakpfeifen, Halsketten, Armbänder, Dominosteine, Billardkugeln, Folien, Messergriffe, Zahnbürsten usw., Griffe für Spazierstöcke, Regenschirme usw., Zubehör für Telefone, orthopädische Geräte usw., usw., sowie Karosserieteile.
Im Unterschied zu Doktor Schmoll half Christophe de la Harpe aber nicht industrielle Gebrauchsgegenstände hervorzubringen, sondern flüchtige, aber wohlumrissene Unikate, die dem Wesen des Theaters entsprechen:
Fasslichkeit ist eine Eigenschaft alles Vollkommenen in der Natur und der Kunst, diese Fachlichkeit muss es mit dem Alltäglichen gemein haben; nur dass dieses reizlos, ja abgeschmackt sein kann, Langeweile und Verdruss erregt, jenes aber reizt, unterhält, den Menschen auf die höchsten Stufen seiner Existenz erhöht, ihn dort gleichsam schwebend erhält und um das Gefühl seines Daseins sowie um die verfliessende Zeit betrügt.
(Johann Wolfgang von Goethe.)